Nobelpreisträger Lehn: Wer Wissenschaft verbietet, verliert

24. August 2001, 11:41
1 Posting

Dann wird es einfach woanders gemacht, und dort passiert dann der Fortschritt

Alpbach - "Wer Wissenschaft verbietet, verliert. Denn: Es wird einfach woanders gemacht, und dort passiert dann der Fortschritt." Diese Ansicht vertrat der französische Chemie-Nobelpreisträger (1987) Jean-Marie Lehn am Freitag bei einem Pressegespräch im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche. Als Beispiel nannte er die Stammzellenforschung, wobei der Wissenschafter die Vorbehalte in Deutschland zu dieser Art der Forschung als "verrückt" und die amerikanische Entscheidung als "halbe Lösung" bezeichnete. Großbritannien dagegen habe die Tore für die Stammzellenforschung geöffnet und werde davon profitieren.

Freiheit des Denkens

Wissenschaft kann überall gemacht werden, auch auf einer kleinen Pazifikinsel oder am Südpol. Darin waren sich Lehn mit seinem Kollegen, dem niederländischen Physik-Nobelpreisträger (1999) Gerard t'Hooft einig. "Der einzige Grund, warum man nicht konkurrenzfähig sein kann, ist, wenn man nicht gescheit genug ist", sagte der Physiker. Beide Forscher sehen dennoch weitere limitierende Faktoren: Für Lehn muss es sowohl Geld als auch "brain", also hervorragende Leute, geben. Und für t'Hooft bedarf es auch einer gewissen "wissenschaftlichen Atmosphäre". Um diese zu erzeugen, müsse schon sehr früh, bei der Jugend, begonnen werden.

Auch Lehn meinte, dass man "die Freiheit des Denkens schon sehr früh den jungen Leuten eröffnen muss". Die USA sei hier viel flexibler als Europa, hervorragende Leute könnten schon in jungen Jahren eine Professur bekommen. Dies gehe aber parallel mit mehr Verantwortung: "Das Gegenstück zur Freiheit ist die Evaluierung. Nur wer Spitzenleistungen erbringe, habe alle Freiheiten. Das europäische Phänomen - was man hat, kann einem nicht mehr weggenommen werden - sollte es in der Wissenschaft nicht geben, meinte Lehn.

Beide Nobelpreisträger waren sich auch einig, dass man Wissenschaft einer breiten Bevölkerungsschicht erklären müsse. Derzeit würden viele Menschen Wissenschaft in Frage stellen und es werde, auch von den Medien, vieles hochgespielt. Als Beispiel dafür nannte er die Schwierigkeiten des Pharmakonzerns Bayer mit dem Medikament Lipobay - mehr als 50 Menschen starben nach Einnahme des Cholesterin-Senkers.

Lehn meinte, dass man riesige Probleme bekomme, wenn sich diese Entwicklung fortsetze. "Dann könnten Millionen Menschen kein Medikament bekommen, nur weil es zu einem Todesfall auf Grund von Nebenwirkungen gekommen ist." Es sei gefährlich, wenn man Medikamente nehme, ebenso wie es gefährlich sei Auto zu fahren. "Aber wollen wir deshalb Autos verbieten?", so Lehn, der für mehr Rationalität plädierte.

Off-Alpbach

Seitens der Veranstalter bezeichnete Thomas Oliva von der Industriellenvereinigung Wien die Alpbacher Technologiegespräche als "einzigartiges Event". Es sei keine Konferenz von Wissenschaftern oder Unternehmensdirektoren, sondern eine der Gebildeten und der Menschen. Die Bedeutung der Wissenschaft für junge Menschen werde nunmehr bereits zum dritten Mal mit "Junior Alpbach" Rechnung getragen, bei dem Kindern von Tagungsteilnehmern die wissenschaftliche Welt ihrer Eltern näher gebracht werde.

Erstmals veranstaltet wird heuer "Off-Alpbach". Ziel sei es, für die Technologiegespräche mit unkonventionellen Themen und unkonventioneller Programmgestaltung einen neue Teilnehmerkreis zu erschließen. "Off-Alpbach" steht dabei heuer unter dem Titel "Künstlerische Kreativität und Visualisierung komplexer Zusammenhänge". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.