Österreichische Spitzenmedizin zunehmend unter Druck

24. August 2001, 10:10
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Maßnahmen gegen die wachsenden Kosten der Spitäler

Alpbach - Die österreichische Spitzenmedizin kommt nach Ansicht von Univ.-Prof. Michael Zimpfer, Vorstand der Wiener Uni-Klinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, zunehmend unter Druck. Es müssten Maßnahmen gegen die wachsenden Kosten für die Spitäler, die zu geringen Reinvestitionen in die medizinische Infrastruktur, für eine deutliche Verbesserung der heimischen Forschungslandschaft sowie für eine flexible eigenverantwortliche Organisationsstruktur getroffen werden, um die österreichische Spitzenmedizin "auf internationalen Niveau zu halten", meinte Zimpfer, der bei den Alpbacher Technologiegesprächen am Freitag einen Arbeitskreis zum Thema "Spitzenmedizin der Zukunft" leitet.

Derzeit sei die angewandte Medizin in Österreich sehr gut, mit teilweise spektakulären Leistungen. Das Land habe zudem den Vorteil, medizinische Leistungen zu einem - im internationalen Vergleich - "vernünftigen Preis" anzubieten, und es werde - im Gegensatz etwa zu den USA - für alle bezahlt, so Zimpfer.

Kostendruck

In den USA, aber auch schon in Deutschland seien die Spitäler mit Problemen konfrontiert: Einerseits steige im Zusammenhang mit dem verlangsamten Wirtschaftswachstum der Kostendruck. Andererseits würden nach den Schätzungen von rund 100.000 Toten pro Jahr durch Behandlungsfehler in Spitälern große Firmen und Versicherungen zunehmend Druck auf die Kliniken ausüben, ihre Angestellten bzw. ihr Klientel ordentlich zu behandeln. "In Österreich müssen wir aufpassen, dass das hier nicht passiert", meint Zimpfer zu dieser Entwicklung.

Das Wiener AKH habe in den vergangenen fünf Jahren die Realkosten um rund fünf Prozent gesteigert. Dagegen seien die medizinischen Leistungen um etwa 20 Prozent gewachsen, was Zimpfer auf kürzere Verweildauern und höhere Produktivität der Mitarbeiter zurückführt. Woran es aber kranke, seien die Reinvestitionen. "Verglichen mit dem ursprünglichen Ausstattungszustand des AKH wird viel zu wenig reinvestiert", so der Mediziner - mit der Konsequenz, dass die medizinische Infrastruktur überaltere.

Geld verdienen

Zimpfer geht es aber nicht nur ums Geldausgeben, man könnte auch relativ leicht Geld verdienen, wobei ihm ein zahlungskräftiges internationales Publikum vorschwebt. Die renommierte Mayo-Klinik in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota habe beispielsweise 2,9 Prozent ausländische Patienten, ein durchschnittliches europäisches Spital dagegen nur 0,1 Prozent. Kapazität dafür gebe es am AKH genug: Über das Jahr verteilt würden zehn Prozent der Betten leer stehen.

Entscheidend für die Spitzenmedizin sei aber auch die österreichische Forschungslandschaft. Weder das "business environment" noch die staatliche Forschungsunterstützung seien hier zu Lande herausragend. Und die Organisation sei durch "unglaublich enge Regelungen und Vorschriften" sowie durchgehende Demokratisierung der Entscheidungsgremien gehemmt.

Hot-Spot für Investoren

Um die österreichische Spitzenmedizin auf internationalem Niveau zu halten, sind deshalb nach Ansicht Zimpfers folgende Maßnahmen notwendig: Die laufenden Kosten müssten indexangepasst abgedeckt, die Reinvestitionen aber deutlich gesteigert werden. Die Forschungslandschaft müsste verbessert werden, um Österreich zu einem "Hot-Spot" für Investoren zu machen - positive Beispiele ortet Zimpfer bereits -, und die staatliche Forschungsförderung auf internationales Niveau angehoben werden.

Und schließlich wünscht sich Zimpfer die Erhöhung der Schlagkraft durch "flexible, eigenverantwortliche Organisationsstrukturen". Für das AKH könnte das beispielsweise ein Kooperationsmodell von sechs bis sieben Leistungszentren sein, jedes so groß wie ein mittleres Unternehmen, die mit Budgethoheit und eigener Verwaltung ausgestattet sind. (APA)

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