Jesolo und Jerusalem

24. August 2001, 09:43
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Ohne Hintergedanken bemüht sich die FPÖ um gar nichts, nicht einmal um die über den "Kurier" gespielte und sorgfältig programmierte Aufdeckung von Funktionärsgagen bei der Post als Folgen eines Gehaltsschemas, über das sie nicht erst seit voriger Woche unterrichtet war. Daher hatte sie sicher auch einen Hintergedanken, als sie demselben Blatt ein paar Tage später einen Interviewpartner vermittelte, der den Lesern klarmachen sollte: Die FPÖ bemüht sich nicht ohne Hintergedanken um Kontakte zu israelischen Politikern. Ein Treffen wäre für die Blauen ein unschätzbarer Erfolg.

Die Operation Image-Korrektur, für die FP-Generalsekretär Peter Sichrovsky seit dem Eintritt seiner Partei in die Regierung als oberster Imagekorrektor der Blauen im Ausland die Messer wetzt, verlief bisher nicht völlig erfolglos. In der Gegend um Jesolo ist man vom freiheitlichen Facelifting schon begeistert, um Jerusalem noch etwas weniger. Sein Bemühen ist nicht immer von Erfolg gekrönt, musste der "Kurier" einräumen, jetzt dürfte sich aber ein kleiner Fortschritt abzeichnen: Am Dienstag besuchte der israelische Knesset-Abgeordnete Roman Bronfman auf Sichrovskys Vermittlung Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Beiden hat Sichrovsky eine Image-Korrektur-Reise nach Israel verordnet. Das Tote Meer hat noch keinem geschadet.

Wie klein der Fortschritt ist, dem der "Kurier" gleich eine ganze Seite 3 widmete, geht daraus hervor, dass Herr Bronfman in der Knesseth über eine Mini-Fraktion (2 Mandate) gebietet, die er vernünftigerweise selber begründet hat. Der Linksliberale mit russischem Akzent hat politisch einiges drauf, was auch daraus hervorgeht: Im Umgang angenehm, schaffte er den Spagat zwischen den Intim-Feinden Ehud Barak und Shimon Peres, wogegen der Spagat zwischen israelischen und freiheitlichen Regierungsmitgliedern nur eine Kleinigkeit sein kann: Bei delikaten Einsätzen in Osteuropa, die diplomatisches Geschick voraussetzen, schickte man in der Vergangenheit gerne den russischen Einwanderer vor.

Einen Besseren hätte Sichrovsky auch in der Gegenwart nicht finden können. Wer die Schwäche der Freiheitlichen für Einwanderer im Allgemeinen und russische im Besonderen kennt, ahnt schon, welch guten Griff der oberste Imagekorrektor der Blauen im Ausland diesmal getan hat, von der Qualität seiner Hintergedanken ganz zu schweigen. Bronfman überbrachte Inoffizielles: Das israelische Außenministerium wird zumindest keine Schritte gegen die Einreise Riess-Passers und Grassers unternehmen. Mit einem kleinen Spagat kommt das im Jargon diplomatischer Imagekorrektoren einer herzlichen Einladung schon ziemlich nahe.

Das israelische Außenministerium kann sich dabei auf die Kritikfähigkeit des vom "Kurier" zum Gesandten in heikler Mission ernannten Herrn Bronfman völlig verlassen. Auf Grund meiner kritischen Haltung bezüglich eines Abzugs des Botschafters hat mich die FPÖ kontaktiert: Rasch zugreifen - solche Kontaktmöglichkeiten sind selten! Ich habe überprüft, was der FPÖ unterstellt wird, und inwiefern sie radikal ist.

Nicht nur Israel von Galiläa bis Eilat, auch den "Kurier" muss es brennend interessieren, zu welchem Ergebnis es bei dieser Überprüfung gekommen ist. Ich glaube, dass es eine Mischung von zwei Elementen in der FPÖ gibt: Eine Nostalgie für die Ära des nationalen Stolzes, die manchmal irrtümlich mit der Zeit des Dritten Reichs in Zusammenhang gebracht wird, und das Vertreten der sozialen und ökonomischen Interessen der heimischen Bevölkerung.

Mit dieser Einschätzung ist Herrn Bronfman ein Spagat gelungen, gegen den seine Leibesübung zwischen Barak und Peres bestenfalls eine kleine Grätsche ist. Wie die sozialen und ökonomischen Interessen der heimischen Bevölkerung von der FPÖ vertreten werden, bekommt dieselbe bereits zu spüren, und dass die Ära des nationalen Stolzes manchmal mit der Zeit des Dritten Reichs in Zusammenhang gebracht wird, wo doch die Zeit der ordentlichen Beschäftigungspolitik gemeint ist, ist ein kleiner Irrtum, wie er überall vorkommen kann.

Wenn jetzt Peter Westenthaler den Spagat-Bronfman nicht mit dem von der Westküste verwechselt und seinen sofortigen Rücktritt verlangt, steht einer Konfetti-Parade Riess-Passers durch Alt-Jerusalem nichts mehr im Wege. Danke "Kurier"! Bravo Sichrovsky! Übrigens: Was ist eigentlich aus dem israelischen General geworden, den er das letzte Mal aufgerissen hat?

So einen Imagekorrektor bräuchte in diesen Tagen auch der ehemalige Bundeskanzler Franz Vranitzky, der sich Samstag in einem Brief an die "Kronen Zeitung" dagegen verwahrt hat, die Kolporteure der "Sandlerzeitung" auf eine Stufe mit Läusen und Wanzen zu stellen, wie das in einem von Hans Dichands Brotneid auf den "Augustin" diktierten Gedicht Wolf Martins geschehen ist. Diesen Brief konnte die "Krone" nicht gut unterdrücken, und seit er erschienen ist, wird der "Ausgrenzer" der Haider-FPÖ auf der Leserbrief-Seite heruntergemacht als wäre er ein Postgewerkschafter.

Den Anfang setzte Wolf Martin, der diesmal prosaisch in eigener Sache bewies, wie viel an Vulgärdialektik er von Jörg Haider in sich aufgesogen hat - irgendwoher muss ja kommen, was er täglich hervorwürgt. Da macht der Prosaist dem Populisten Konkurrenz, wenn es darum geht, arme Pensionisten und Arbeitslose gegen einen Bundeskanzler ins Treffen zu führen, unter dem sie jedenfalls noch nicht so arm waren wie heute. Als Ersatz dafür bietet er ihnen die psychische Erleichterung, auf noch Ärmere als Läuse und Wanzen herabblicken und sich dafür als echte Österreicher fühlen zu können: Ich finde, Herr Dr. Vranitzky, es ist nur gut Deutsch gesprochen und dem Volk aufs Maul geschaut.

Unter Martins Blick gehorchte das Maul des "Krone"-Volkes prompt dem damit ausgelösten Pawlow' schen Reflex und sondert seither Geist von seinem Geiste ab. Wort für Wort - wozu hält man sich einen Dichter? (Günter Traxler/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24. August 2001)

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