Vampire und ihr Blutdurst

23. August 2001, 19:50
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Ilse Aichinger: Journal des Verschwindens (XLIII)

Friedrich Wilhelm Murnau, "ein kompromissloser Visionär" (Programm Metrokino, Ende August 2001), hat schon 1921 mit Nosferatu den "größten Vampirfilm aller Zeiten" gedreht und kam (wie fast jeder) unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben.

In der eigenartigen Murnau-Paraphrase The Shadow of the Vampire, Länge 95 Minuten, Twentieth Century Fox, gedreht in Luxemburg 2001, hat Murnaus Vampir die ultimative Authentizität erreicht: Er ist zu einem echten Vampir geworden, der die Filmcrew aussaugt und zuletzt vom Tageslicht verbrannt wird.

Obwohl Max Schrecks Graf wie die Antithese zu den weltgewandten, verführerischen Draculas in amerikanischen Draculafilmen wirkt, zieht sich eine unverkennbare exotische Aura durch diesen Dialog mit Murnaus Nosferatu.

Die Filmhistorikerin Lotte Eisner sah in Nosferatu den Ausdruck von Murnaus homosexueller Selbstqual und Entfremdung. Und doch ist (wieder schlägt das Programm des Metrokinos 2001 zu) "dieses zeitlose Meisterwerk ein durch und durch romantischer Film mit einem tiefen Glauben an die Unbezwingbarkeit der Liebe."

"Weshalb zuerst den Kameramann?", ruft John Malkovich (als Murnau in Shadow of the Vampire) dem in die Enge getriebenen Vampir zu, "weshalb nicht die Kostümbildnerin?" -"Was zuerst?", das ist für Vampire natürlich die wichtigste Frage ihres Nachtablaufs. Der Murnau dieses Films erklärt die Vorliebe seines Vampirs Max Schreck (Willem Dafoe) für Kameraleute damit, dass der Darsteller der Prototyp eines "neuen Typs von Schauspieler" sei, ein "method actor", der von Stanislawski persönlich ausgebildet worden sei.

Der Regisseur, der als Einziger die Katastrophe durchschaut, versucht seinen Darsteller zu bremsen: Wenn es ihm gelänge, seinen Blutdurst bis zum Ende der Dreharbeiten zu unterdrücken, dann solle sein Honorar im köstlichen Hals des weiblichen Stars, "Greta", bestehen. Aber schon nach der ersten Nacht wird der Kameramann ohnehin von einer mysteriösen Krankheit befallen und kollabiert.

Zu spät entdecken die anderen, dass der für die Vampirrolle engagierte Schauspieler seine Rolle wörtlich nimmt. Die Crew wird immer kleiner, der Drehbuchautor lässt sich vorsichtshalber gleich in Trance fallen. Murnau gesteht dem Team die ganze Wahrheit, aber sie sitzen fest. Ihre einzige Hoffnung bleibt, den Film schnellstmöglich zu Ende zu drehen, Greta dem Vampir zu überlassen und diesen schließlich unter Morphium zu setzen.

Noch einige Verzögerungen bis zum Morgenlicht: Endlich darf der Vampir zubeißen, wird aber durch Morphium im Blut betäubt. Das Fazit des Morgengrauens: Schreck tötet auch noch den Produzenten. Murnau merkt, dass er hilflos ist, nimmt hinter der Kamera Platz und hält die Szene fest. Nicht er, sondern das einfallende Sonnenlicht zerfetzt schließlich den Vampir. (Ende der Inhaltsangabe.)

Shadow of the Vampire ist kein Meisterwerk, aber in seiner Hilflosigkeit und teilweise doch überraschenden Intelligenz immerhin die Erinnerung an ein Meisterwerk. Ein Kürzel auch für den Unterschied zwischen Luxemburg 2001 und des Original-Murnaus Berlin 1921.(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24.8.2001)

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