Problem Afghanistan

23. August 2001, 19:55
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Würden nicht so grausame Geschichten daran hängen, wäre der politische und mediale Umgang des Westens mit dem Taliban-Regime in Afghanistan beinahe amüsant. Die Taliban halten sich nicht an die Abmachungen über konsularischen Beistand, wer hätte das gedacht. Und sie reagieren völlig humorlos, wenn irgendwelche Romantiker christliches Propagandamaterial verteilen (wodurch diese Leute übrigens andere Menschenleben gefährden, was doch ziemlich unchristlich ist). Und für vorislamische Kunst, die die internationale Gemeinschaft - im Gegensatz zu den Afghanen - sogar freizukaufen bereit wäre, haben sie auch kein Verständnis, na so etwas.

UN-Generalsekretär Kofi Annan drückte die allgemeine Ratlosigkeit gegenüber der von niemandem außer Saudi-Arabien und den Emiraten anerkannten Taliban-Regierung am Donnerstag aus, als er den Sicherheitsrat dazu aufrief, "die Politik der Vereinten Nationen gegenüber Afghanistan einer globalen Überprüfung zu unterziehen". Was meint er damit? Noch mehr Sanktionen? Sinnlos. Anerkennung? Undenkbar jetzt, wo die Unterdrückung immer brutaler wird. Mehr Druck auf Pakistan, keine Waffen mehr durchzulassen? Dann kommen sie eben - gleich mit dazugehörigen Gotteskriegern - aus Tadschikistan oder Usbekistan. Ende jeder Hilfe? Dann werden die Taliban eben wieder flächendeckend Opium anbauen. Was sie wahrscheinlich ohnehin tun, wenn ihre Lager, deren Wert durch den derzeitigen, international wenig gewürdigten Anbaustopp in schwindelnde Höhen getrieben wurde, geleert sind.

Und dann wird sich der Westen wieder erregen und wundern und wieder nicht daran denken, dass das Problem Afghanistan ein Erbe des Kalten Kriegs ist, ein Problem, das durch die vor allem von westlichen Interessen bestimmte heutige Zentralasienpolitik nur noch verschärft wird.
(DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2001)

von Gudrun Harrer
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