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26. August 2001, 13:26
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Saxophonist Peter Brötzmann beim Jazzfestival Saalfelden und im STANDARD-Interview

Saxophonist Peter Brötzmann (60) beehrt am Sonntag das heute beginnende Jazzfestival Saalfelden. Standard-Mitarbeiter Andreas Felber sprach mit dem Klassiker des Free-Jazz.

Wuppertal - Kraftjazzer Peter Brötzmann hat im Laufe seiner Karriere öfters große Ensembles zusammengestellt, angefangen beim legendären Machine-Gun-Oktett 1968. Nun ist sein Interesse an kollektiver "Raserei" wieder erwacht: "Man soll manchmal den ganzen Haufen zusammentrommeln! Das ergibt einen fundierten Sound. Es gibt ja in den letzten 20 Jahren die Tendenz, dass das Reisen teurer wird, die Gagen aber dieselben bleiben - also werden die Gruppen immer kleiner. Dem muss man ab und zu, wenn man die Möglichkeiten sieht, etwas entgegensetzen."

STANDARD: Gibt es bei vier Saxophonisten untereinander auch Konkurrenz?


Brötzmann: Ja, ohne das wäre es langweilig. Wir fordern uns schon heraus. Manchmal habe ich so das Gefühl, dass die sich denken: "Kann der Alte noch?" Dann muss ich denen zeigen, dass ich's kann!


STANDARD: Was hat sich in den 30 Jahren an der Spielhaltung geändert?


Brötzmann: Ich denke, dass es uns in den 60er- und frühen 70er-Jahren darum ging, den ganzen Müll über Bord zu schmeißen, der die Musik belastete - formalen Kram. Das war ja damals das Ende der Hardbop-Zeit. Ich tue nichts lieber, als mir alte Art-Blakey-LPs anzuhören. Bloß war es damals an der Zeit zu sagen: "Weg damit!" Es ging auch um die Vision einer freieren, besseren Gesellschaft. Illusionen, wie wir gemerkt haben. Ich weiß nicht, wie oft wir mit unserem alten Citroen Shark - der eine Zeit lang auch von Baader-Meinhof benutzt wurde - an irgendeiner Autobahn gestanden haben, Polizei mit Pistolen drumherum.

Solche Dinge waren Alltag. Ein generell autoritäreres Klima. Insofern war die Musik eine direkte Reaktion auch darauf. Wie die formalen Rahmen gesprengt werden mussten, dachten wir, da müssten wir einfach auch etwas tun.


STANDARD: Die Hoffnung, die Sie 1968 antrieb, ist heute der Erkenntnis gewichen, dass der Mensch nicht aus der Geschichte lernt?


Brötzmann: Das soll jetzt auch nicht resignierend klingen, ich denke, dass es einfach so ist, dass sich die Umstände ändern, aber der Mensch eigentlich derselbe Idiot bleibt.


STANDARD: In Deutschland gibt es eine rot-grüne Regierung . . .


Brötzmann: Soll ich jetzt ein bisschen lachen?


STANDARD: Joschka Fischer war 1968 auf der Seite, die wie Sie gegen das Establishment gekämpft hat.


Brötzmann: Ich denke, dass ich durchaus ein Pragmatiker bin, wie Joschka das auch ist. Und er hat, glaube ich, aus durchaus anständigen Gründen den Schritt zu dieser Regierung gewagt, weil er sich gedacht hat: Wenn wir nichts tun, machen es die anderen noch schlimmer.


STANDARD: Sie sind eigentlich im Wesentlichen der freien Improvisation treu geblieben . . .


Brötzmann: Ich denke, es gibt Missverständnisse, angefangen beim Begriff "Free Jazz", den ich nie leiden konnte. In der Kunst ist nichts "frei"! Ich bin genauso an Vorgaben gebunden, wie das Fats Waller mit seinen 32-taktigen Liedern war. Bloß habe ich eine andere, meine eigene Sprache.


STANDARD: Die Leute fragen: "Wie lange noch, Brötzmann?"


Brötzmann: Wenn man 30 oder 40 ist, denkt man, man hat endlos Zeit. Mit 60 sieht das anders aus. Da ist die Vergangenheit schon etwas länger als die Zukunft. Aber ich denke, es wird schon noch ein paar zehn Jahre gehen. Ich hoffe, dass es, wenn ich nicht mehr kann, einige Freunde gibt, die mich in den Hintern treten und mir sagen: "Brötzmann, geh in dein Studio und male ein paar Bilder!"

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 8. 2001)
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