Mein Chauffeur ist Doktor

24. August 2001, 22:34
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Ich bin Maturant. Dr. Richard bringt mich gegen das Wochenende zu immer nach Süden. Er ist insofern eigenwillig, als er nur fährt, wenn es ihm gerade passt. Meistens passt es ihm aber ein Viertel nach der vollen Stunde, und so kommen wir schon ganz gut miteinander zurecht. Gewöhnungsbedürftig war auch, dass der Dr. Richard immer wildfremde Leute mitnimmt. Manchmal stopft er das ganze Auto damit voll. Zunächst dachte ich ja, der Dr. Richard wäre Kommunist. Als ich dann aber einmal um Viertel nach mit einem überzeugten "Freundschaft" bei ihm einstieg, konterte der vermeintliche Genosse mit einem inbrünstigen "Grüß Gott". Aus reiner Nächstenliebe drückt der aber garantiert auch nicht die Pedale. Das kostet ganz schön, dass der mich über den Wechsel bringt. Immerhin aber hat er so viel Respekt, mir das vertrauliche "du" im Umgang zu ersparen. Was mich aber doch auch ein wenig kränkt. Unterwegs dann habe ich meine Ruhe. Das heißt, ich fühle mich ein bisschen isoliert. Außer mir benehmen sich alle wie die Hühner. Kurz nach der Abfahrt verfallen sie in Gegackere. Kaum bricht die Dämmerung über die Shopping City Süd herein, hängen sie schlafend auf ihren gepolsterten Sprossen.

Greife ich zu einem Buch, habe ich stets das Gefühl, irgendwie aufzufallen. Außerdem habe ich Angst, dass der Dr. Richard, wenn ich ihn nicht unentwegt beobachte, mit mir weiter nach Süden fährt, als mir lieb ist. Was bitte soll ich mitten in der Nacht in Hartberg tun? Oder womöglich in Graz! Ohne meinen Häcksler! Ich bin dort zu Hause, wo all das am besten wächst, wovon man am wenigsten braucht. Ohne auch nur das geringste Zutun habe ich Liebstöckel für ein Mittelmeer voller Rindssuppe und Basilikum für gerade einmal eine schwache Gabel voll Nudeln. Oder der Majoran: Lagunen voller Saftfleisch könnte man damit würzen, wohingegen meine Artischocke, eingekauft als "Große Grüne von Neapel", nicht einmal den Ansatz eines Fruchtstandes zeigt. Und trotzdem lieb' ich sie . . . Und deswegen drücke ich dann schon Kilometer vor der Haltestelle meines Herzens die Nase ans Fenster. Und zwar hinten, weil ich den Dr. Richard gar nicht mehr sehen will. Soll der doch alleine weiter gen Süden ziehen. Er kehrt ja doch um, bevor es richtig spannend wird. Einmal nur, wenn er den Mut hätte, nach Italien zu fahren, dorthin, wo das Basilikum wächst als wie das gemeine Liebstöckel, dorthin, wo die Kommunisten mit den Katholiken beim Barolo die Synthesis vollziehen, ich wäre sofort dabei.

Von
Markus Mittringer

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