Soulsville U.S.A.

23. August 2001, 20:42
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Ein Museum für die Seele

Mit der Grundsteinlegung zum "Stax"-Museum, im April dieses Jahres, in Memphis, Tennessee erfährt dieses wichtigste aller Soul-Labels späte Gerechtigkeit. Eine Würdigung
Wer nach Memphis, Tennessee reist, ist selten nur Tourist. In die Stadt am Mississippi fahren meist Pilger in Sachen Musik. Als solche besuchen sie "kultische" Stätten wie das unvermeidliche Graceland, Elvis Presleys Puppenhaus. Sie knien vor der Geburtsstätte des Rock'n'Roll, den Sun-Studios, schaben verbotenerweise am Glas diverser Ausstellungskästen im Memphis-Blues-Museum und atmen die Luft der Beale Street. Sie lassen sich in Al Greens Church Of Full Gospel Tabernacle bekehren oder stehen mit offenem Mund vor einem der vielen legendären Studios der Stadt: Phillips Recordings, Ardent, American Recordings, Royal etc. Überall Musik, überall Pop-Historie. Nur eines, das neben dem Sun-Studio bedeutendste, fehlt: das des Soul-Labels Stax.

Pilger auf der Suche nach dem Stax-Studio dürfen nicht an dessen früherer Adresse, der 926 McElmore Street, Ausschau halten, sondern müssen sich in den Shangri-La-Record-Shop in der Madison Avenue bemühen. Dort kann man die letzten Einzelteile des ehemaligen Studios käuflich erwerben: Original-Ziegelsteine des Stax-Gebäudes. Traurig, aber wahr. Das Gebäude, das "Soulsville U.S.A." 15 Jahre lang beheimatet hat, wurde 1989 von den gottlosen Besitzern, der Southside Church of God in Christ, dem Erdboden gleich gemacht. Das beendete die Geschichte dieser einflussreichen Keimzelle schwarzer Musik für immer. Scheinbar.

Denn begibt man sich tatsächlich auf Spurensuche nach der Wirkung der aus dem Stax-Studio kommenden Musik, wird man überall auf der Welt fündig. Die Produktionen des Familienunternehmens - über 300 Alben und über 800 Singles! - finden sich heute noch als Erbmasse in jedem HipHop-Album, und das Revival von Rhythm'n'Blues wäre ohne Stax kein solches. Und - jetzt kommt's: Im April fand die Grundsteinlegung zu einem Stax-Museum an der alten Adresse statt. Damit soll, wie es einer der Kuratoren des Museums, Sherman Willmott, formuliert, "eine historische Lücke geschlossen werden."

Begonnen hat Stax 1960, als Jim Stewart und seine Schwester Estelle Axton ("ST"eward & "AX"ton) ein aufgelassenes Kino in einer schwarzen Wohngegend anmieteten. Kurz darauf stand der stadtbekannte Club-MC, DJ und Musiker Rufus Thomas in der Tür, erkundigte sich was hier Sache sei und vereinbarte gleich einmal einen Aufnahmetermin für seine Tochter Carla. Diese nahm Cause I Love You auf. Ein Titel, der ein Südstaaten-Hit wurde und dem verträumt idealistischen Unternehmen Stax Kontakte mit der "richtigen" Musikindustrie in Person von Jerry Wexler von Atlantic-Records einbrachte und ihm den Vertrieb sicherte. Carlas Folgenummer, Gee Whiz, geriet im Jahr darauf zum ersten nationalen Hit, und der Rest der Geschichte gerät nahezu märchengleich: Zukünftige Stars wie Booker T. Jones schwänzten im angeschlossenen Plattenladen Satellite Records die Schule und überschritten irgendwann die Schwelle zum Studio. Das war's.

Das Unternehmen, in dem es keine Rassentrennung gab, produzierte laufend Meilensteine und wuchs - noch vor Motown in Detroit- zum wichtigsten Soul-Label. Booker T. wurde mit seine Band, den gemischtrassigen MGs zur Haus-Band, Isaac Hayes und David Porter zu begnadeten Songwritern und Produzentengrößen. Wie bedeutend das Unternehmen Stax in der Welt wahrgenommen wurde, erfuhren viele Beteiligte erst, als sie 1966 nach England auf Tour gingen. Dort wurden sie von tausenden Fans am Flughafen erwartet und in von den Beatles geschickten Limousinen in ihre Hotels gebracht. Mar-Keys-Trompeter Wayne Jackson: "Wir hatten keine echte Ahnung von der Wirkung unserer Musik. Für uns war es ein normaler Job, täglich ins Studio zu gehen und dort bis in die Nacht Musik zu machen."

Was und wer machte "Stax" so bedeutsam? Einerseits lag es an dem originären Sound, den das Kinogebäude gebar, und andererseits am Genie der darin arbeitenden Protagonisten: den Memphis Horns, die zusammen mit der Hausband, dem Keyboarder Booker T. und seinen MGs, an den meisten Aufnahmen beteiligt waren. Und den Stars wie dem Dynamit-Duo Sam and Dave (Hold On, I'm Coming, Soul Man), Eddie Floyd (Knock On Wood), Little Milton (That's What Love Will Make You Do) The Staple Singers (I'll Take You There), Johnnie Taylor (It's Cheaper To Keep Her), Mel and Tim (Starting All Over Again) und natürlich dem Superstar des Labels, Otis Redding, der mit dem posthum erschienen Sittin' At The Dock Of The Bay einen der größten Hits des Labels verantwortete. Aberdutzende Künstler veröffentlichten auf Stax und trugen zur Vielfalt wie zur Unverwechselbarkeit und Bedeutung des Labels bei. Selbst John Lee Hooker findet sich im Back-Katalog wieder.

Reddings tragischer Tod 1967, der Mord an Dr. Martin Luther King in Memphis 1969 und das Auftauchen von Al Bell, der im selben Jahr Axtons Anteile übernahm, veränderten die Geschichte des Hauses Stax. Die schwarze Musik veränderte sich ebenso wie die Welt rund um Stax. Die zweite große Periode des Labels brach an. Künstlerisch darf sie vor allem als die Zeit von Isaac Hayes (Shaft, Black Moses . . .) gesehen werden.

Doch in den 70er-Jahren begannen auch finanzielle Probleme, die 1975 schließlich das Ende von Stax bedeuteten. Hinterlassen hat Stax musikalische Höhepunkte sonder Zahl, es setzte ästhetische Maßstäbe, die bis heute Wirkung zeigen.

Mit der Errichtung des Stax-Museums, das im Herbst 2002 seine Pforten öffnen will, erfährt dieses wichtige Label nun wieder jene Aufmerksamkeit, die ihm zusteht: Denn, was wäre Mekka ohne den großen schwarzen Stein? (flu - DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 8. 2001)



"Stax"- Interessierte wenden sich vertrauensvoll
an die Mitarbeiter des Wiener Audiocenters:
Tel. 01 / 533 68 49.

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