Träumt mit ihr!

23. August 2001, 20:48
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Die Sängerin Jane Monheit ist der neue Liebling der Jazzszene. Sie interpretiert alte Standards - und dies sehr delikat

In was für Zeiten leben wir eigentlich! Dauerte es früher noch recht lange, bis man sich als Jazzsängerin bezeichnen durfte, weil ja manche Lebenserfahrung zu machen war, bis man die Texte von Sehnsucht und gebrochenem Herzen verstand, schicken sie jetzt schon Babys an die Jazzrampe! Das muss natürlich versteckt werden. Jane Monheit schaut uns vom Cover ihrer Eingebung Come Dream With Me (Vertrieb: Edel) an, als hätten ihr die PR-Strategen von Lolita erzählt, von den Charmevorzügen unergründlicher Frühreife, die uns ja gar nichts anzugehen hat. Wir wollen Töne hören. Nicht sehen! Legt man die Scheibe ein, ist man jedoch schnell ge- fangen in einer Welt, die von simulier- ter Laszivität nichts mehr zu vermitteln hat.

Zunächst sind die Töne glasklar und süß, auch das Vibrato der 50er-Jahre, die gute alte Ella-Fitzgerald-Tradition, schimmert durch. Würde natürlich nicht reichen. Monheit allerdings klingt wie ein selbstbewusstes Mädchen, das mit den guten und seelenplagenden Folgen von Zweisamkeit ihre Erfahrungen gemacht hat und auch so manchen Sonnenaufgang und das eine oder andere leere Whiskey-Glas im Club ihrer Wahl hinter sich hat. Ob das alles wahr ist oder nur gut gespielt, ist egal. Alles hat Flair. Auch eine gute Gesangsschauspielerin ist eine gute Sängerin. Alter und Reife kommen schon von selbst. I'm Through With Love wird dann schon noch anders klingen, gebrochener und weniger selbstverliebt. Aber so wie es hier klingt, möchte man gerne eine markante Stimme in der Szene der neuen Ladies, die sich der alten Jazzkunst widmen, begrüßen - hallo, Jane!

Auch andere sind der Meinung, dass hier Qualität geboten wird. Bei der Thelonious Monk Vocal Competition, die ihr Können lobte, saßen immerhin auch Konkurrentinnen wie Dee Dee Bridgewater, Diana Krall und Dianna Reeves. Natürlich bewegen wir uns hier im Mainstream-Bereich, auch Improvisation ist von Jane nicht zu hören. Sie versteht sich als Interpretin der alten Schule. Es zeigt sich aber auch hier: Das tattrige Genre des Jazz produziert nach wie vor seine Interpreten und scheint nicht abtreten zu wollen. Das ist insofern gut, als die alten Schlager nicht sterben sollen. Sie sind das tönende Archiv wichtiger Emotion. (Ljubisa Tosic - DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 8. 2001)


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