Noch eine Runde, bitte!

23. August 2001, 20:11
posten

Nach acht Jahren Pause veröffentlicht eine der einfluss-reichsten britischen Pop-Bands mit "Get Ready" ein neues Album: New Order

Manchmal hat es der ältere Mensch im Musikgeschäft schwer. Anfang August dieses Jahres sieht sich zum Beispiel eine für Teenies weitestgehend unbekannte Zusammenrottung von stattlichen Briten in ihren Vierzigern auf der Bühne des Kölner Fussballstadions im Vorprogramm von Robbie Williams vor ein Problem gestellt. Nicht nur, dass einer von ihnen - Grundgütiger! - einen alles andere als in der Moderne verhafteten Vollbart trägt - und allesamt Baggy Trousers, in die finanziell umsichtige Eltern sonst ihre fünfjährige Nachkommenschaft langsam hineinwachsen lassen. Auch der Einserschmäh von diesen sich impertinenterweise New Order nennenden Oldies, mit einer Coverversion des derzeit in der deutschen Hitparade herumgeisternden Songs Bizarre Love Triangle aus der Feder des Dancefloor-Projekts Commercial Breakup punkten zu wollen, wird nicht sehr wohlwollend vom Publikum aufgenommen: "Was glauben die eigentlich, wer sie sind?!"


Dass es sich hier allerdings nicht um das Alter verzweifelt mit dem Modischen bekämpfende Kopisten handelt, sondern um die Originale, ist angesichts einer sich in ihrem kreativen Stillstand immer rasanter rein über die Verpackung wandelnden Popwelt, in der man einem Großteil des heute längst im Zehnjahres-Rhythmus ausgewechselten Publikums wie nie zuvor uninspirierte Abziehbilder als "the real thing" verkaufen kann, eine nette Anekdote. Mehr aber auch nicht. Bei Popmusik mag es sich zwar um die historisch gesehen erste Kunstrichtung handeln, die gemeinsam mit ihrem Publikum altert. Aufgrund der in ihrem Grundimpetus angelegten Direktive, dass dieser Prozess trotz aller mittlerweile auch längst wissenschaftlich betriebenen Historisierung seitens marginaler und deshalb elitärer Konsumenten keine Rückschau auf dem tatsächlichen Markt gestattet, gilt hier allerdings eines: Erinnern? Vergiss es!


Dabei erleben wir im Falle von New Order, die jetzt mit Get Ready das erste Album seit 1993 vorlegen, das, was einmal als so genannte ironische Fußnote in die Geschichte des Pop eingehen wird. Nachdem die musikalische Nachkommenschaft von New Order, in diesem Falle eben auch die besagten Commercial Breakup, nach Jahren des Experiments, das klassische Format des Songs auf dem Dancefloor zwar nicht unbedingt aus den Angeln zu heben, aber dieses zumindest um nicht-narrative Strukturen zu erweitern, nun gerade wieder massiv traditionelles Liedgut wiederentdeckt und sich damit der Kreis zu schließen beginnt, ist auch wieder die Zeit reif dafür, dass die Gründerväter zurückkehren. Der wesentliche Unterschied zwischen heute als cool gelesenen Electro-Pop-Poseuren wie Zoot Woman, Ladytron oder dem weiter vorne im Blatt rezensierten PeterLicht liegt darin begründet, dass die heutige Teenie-Hörerschaft die vor gut 20 Jahren vorgelegten Muster schlichtweg nicht kennt.


Die Geschichte von New Order beginnt 1980

Nach dem Freitod des Sängers Ian Curtis, der in den Nachwehen der Punkbewegung mit seiner in Manchester ansässigen Band Joy Division auf den beiden regulären Studioalben Unknown Pleasures und Closer noch heute erschütternde und bis dato auch nicht mehr erreichte Studien über Entfremdung, Isolation und Depression unternahm und so unabsichtlich zur Blaupause für zahllose lächerliche Schwarzkittel- und Gothic-Bands wurde, beschließen die drei verbliebenen Mitglieder nach einer anfänglichen Schreckstarre unter dem Namen New Order weiter zu machen. Gitarrist Bernard Sumner, der ab sofort den Gesang übernimmt, Bassist Peter Hook, Schlagzeuger Stephen Morris und dessen neu zur Band stoßende Freundin Gillian Gilbert an den Keyboards, erweitern dabei die eisigen, monolithisch in der Rocklandschaft stehenden Songblöcke von Joy Division, bald schon um aus einer völlig anders gearteten Ecke stammende musikalische Elemente. Anfangs, auf den ersten New-Order-Veröffentlichungen Product und dem Debütalbum Movement aus 1981, erlebt man zwar noch immer düstere, quälend langsam und emotionslos vorgetragene Endzeitstudien, die alten Joy-Division-Klassikern wie Atmosphere und Ian Curtis pessimistischer Weltsicht verpflichtet sind. Spätestens 1982 aber beginnen New Order die vorher als unüberwindbar angesehenen ästhetischen Grenzen zwischen Gitarrenrock und Synthesizer-Pop zu überwinden und jenen damals revolutionären Stil zu kreieren, der heute über den Umweg jugendlicher Retrowellen wieder als en vogue gilt. Mit Singles wie Temptation, Confusion oder Blue Monday, der mit zwölf Millionen Stück meistverkauften Maxisingle aller Zeiten, und Produzenten wie dem New Yorker HipHop-Miterfinder Arthur Baker entdecken New Order also die hedonistische Welt der Discotheken und den damals populären Stil des Electro - der bald so selbstverständlich in das eigene Werk integriert wird, dass er bis heute als unverwechselbarer New-Order-Stil von der Band gepflogen wird.

Die Hauptcharakteristika dabei:
Unter dem melancholisch-unterkühlten Gesang Bernard Sumners und wuchtigen Schlagzeugrhythmen übernimmt die verzerrte Bassgitarre die Melodieführung, die von höhenlastigen, beinahe tonlosen Schrammelgitarren und breiten Keyboardteppichen getragen wird. 1989, als in Manchester in der im Besitz von New Order befindlichen Diskothek Hacienda die Acid-Bewegung und die Madchester-Bewegung ausgerufen wird, erreicht man mit dem Platin-Album Technique den kommerziellen Höhepunkt. Ein Jahr später folgt die Fußball-WM-Hymne World In Motion, Superstar-Status in Großbritannien und der Weg aus den Clubs auf die Bühnen von Freiluftarenen.
Nach dem Nummer-eins-Album Republic aus 1993 geht die Band allerdings wegen persönlicher Differenzen lange Zeit getrennte Wege mit Soloprojekten wie Electronic, Bernard Sumners Kollaboration mit Johnny Marr von The Smiths und Pet-Shop-Boy Neil Tennant, Monaco von Peter Hook oder The Other Two von Stephen Morris und Gillian Gilbert.

1998 findet man sich für einige Festival-Gigs kurzfristig zusammen, um nun mit Get Ready einen Neuanfang zu wagen, der zwar keine nennenswerten neuen Qualitäten aufzuweisen hat. Wie denn auch bei einer Band, die seit mehr als einem Jahrzehnt im Status des unangreifbaren Klassikers einzementiert ist. Mit Billy Corgan von den mittlerweile aufgelösten Smashing Pumpkins als kurzfristigem Ersatz für Gillian Gilbert, die ein schwerkrankes Kind zu pflegen hat, und Bobby Gillespie von Primal Scream oder den Chemical Brothers wurden jedoch ansatzweise auch neuere Trends mitberücksichtigt.

Zumindest die aktuelle Single Crystal verspricht an der alten Schnittstelle von Rock und Elektronik einmal mehr jenen euphorisierenden Mehrwert, der die alte Klasse der Band auszeichnet.

New Order mag heute zwar nicht mehr unbedingt für eine neue Ordnung stehen. Für eine neue Bestellung reicht es aber immer noch: Noch eine Runde, bitte!

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 8. 2001)

Von Christian Schachinger


New Order - Get Ready (Warner)New Order


  • Artikelbild
    derstandard.at
Share if you care.