Heinrich Mann als Zeichner

23. August 2001, 12:41
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Zeichnungen aus dem amerikanischen Exil erstmals öffentlich ausgestellt

Lübeck - Die 150 Bleistiftzeichnungen zeigen groteske Gesichter und sind von eher mäßiger zeichnerischer Qualität. Dennoch gelten diese Zeichnungen Heinrich Manns (1871-1950) als künstlerische Sensation, denn bis 1995 wusste niemand etwas von ihrer Existenz. Als weltweit erstes Museum zeigt das Lübecker Buddenbrookhaus die Zeichnungen von Sonntag an bis zum 28. Oktober in einer Ausstellung mit dem Titel "Liebschaften und Greuelmärchen".

Rund 70 der 150 Zeichnungen, die in den Jahren von 1940 bis 1950 im amerikanischen Exil entstanden, sind in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen "dicke, nackte Weiber", wie Heinrichs Bruder Thomas Mann nach dessen Tod am 12. März 1950 in einem Tagebuch vermerkt, üppige Frauen in derben Varietee- und Bordellszenen. Doch auch politische Karikaturen von ätzender Schärfe sind darunter, Illustrationen zu Werken Voltaires und zu eigenen Arbeiten.

Keine Doppelbegabung

"Heinrich Mann war keine künstlerische Doppelbegabung. Der Wert der Zeichnungen liegt darin, dass sie sein literarisches Werk ergänzen, seine politische Tätigkeit in anderem Licht erscheinen lassen und den Blick auf sein Spätwerk lenken", sagt Projektleiterin Petra Schotte vom Lübecker Buddenbrookhaus, dem Sitz des Heinrich- und-Thomas-Mann-Zentrums.

Die Ausstellungs-Weltpremiere ist dem Journalisten Volker Skierka zu verdanken. Skierka, Biograf des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1884-1958), besuchte im Sommer 1995 die gerade eröffnete "Lion Feuchtwanger Memorial Library" in Los Angeles. Die Bibliothekarin zeigte ihm Mappen mit insgesamt fast 400 Zeichnungen Heinrich Manns. Sie waren über den Nachlass der 1987 verstorbenen Feuchtwanger- Ehefrau Marta in die Bibliothek gelangt. Die Recherchen ergaben, dass Heinrich Mann die Zeichnungen kurz vor seinem Tod Marta Feuchtwanger geschenkt hatte. Lion und Marta Feuchtwanger gehörten zu den wenigen Freunden, zu denen Heinrich in seinem kalifornischen Exil Kontakt gepflegt hatte.

Sensationelle Entdeckung

"Es war eine bewegende, kaum für möglich gehaltene sensationelle Entdeckung", schreibt Skierka in seinem zur Ausstellungseröffnung im Steidl-Verlag erschienenen Buch "Liebschaften und Greuelmärchen. Die unbekannten Zeichnungen von Heinrich Mann". "Aus Briefen und Tagebüchern wussten wir zwar, dass Heinrich Mann gezeichnet hatte, doch bis zu der Entdeckung in Los Angeles fehlten uns die Beweise dafür", sagt auch Petra Schotte.

Der Entdeckung der Zeichnungen folgten zähe Verhandlungen mit den Enkeln Heinrich Manns. Schließlich gab die Familie 150 der insgesamt fast 400 Zeichnungen zur Veröffentlichung frei. Einige der Zeichnungen geben Einblick in die "Schriftsteller-Werkstatt" Heinrich Manns. Die Ausstellung soll auch in Berlin, München und Los Angeles gezeigt werden. Anschließend sollen sämtliche Zeichnungen nach Angaben Skierkas in der "Feuchtwanger Memorial Library" in Los Angeles der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. (APA)

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