"Cybercrime" erfordert völliges Umdenken in Verteidigungspolitik

23. August 2001, 12:54
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Ex-US-Senator Gary Hart bei Alpbacher Technologiegesprächen - "Echolon ist gar nicht so schlimm"

Die Bedrohungszenarien durch den Missbrauch der Neuen Medien - zusammengefasst unter den Schlagwörtern Cybercrime, Cyberwar oder Cyberterrorism - erfordern ein völlständiges Umdenken in der Frage, was Verteidigung und nationale Sicherheit bedeutet. Diese Ansicht vertrat Gary Hart, demokratischer Ex-US-Senator und stellvertretender Vorsitzender der "US-Kommission für Nationale Sicherheit für das 21. Jahrhundert" am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Alpbacher Technologiegespräche.

"Kleine autonome Gruppen können gewaltigen Schaden anrichten"

Hart sieht die große Gefahr nicht mehr in Kriegen zwischen Nationen, sondern vor allem in terroristischen Aktivitäten. Kleine autonome Gruppen, etwa zwei bis drei Computer-Hacker, könnten gewaltige Schäden anrichten. "Was glauben Sie, was passiert, wenn jemand an einem Freitag Nachmittag das Flugkontrollzentrum in New York lahmlegt", skizzierte Hart ein konkretes Bedrohungsszenario. In Prinzip sei aber jede Netzwerkstruktur gefährdet, etwa Energieversorgungs- oder Finanzsysteme.

US-Militär kann sich nicht verteidigen

Selbst das US-Militär sei vor solchen Angriffen nicht gefeit, wie das Beispiel von Hackern zeigt, die in den Rechner des Pentagon eingedrungen seien und Millionen von geheimen Dokumenten heruntergeladen hätten. Zurückverfolgen ließen sich die Spuren, die die Hacker im Computernetz hinterlassen, praktisch nicht.

"Die Gesellschaft muss geschützt werden"

Der Ex-Senator betonte, dass dies nicht nur nicht ein Problem der USA sei, sondern aller Länder. In den USA gebe es eine Auseinandersetzung, ob das Problem eine militärische oder eine zivile Frage sei. Das US-Militär gebe jedenfalls jährlich drei Milliarden Dollar (3,26 Mrd. Euro/44,8 Mrd. S) aus, um seine Computersysteme vor Angriffen zu schützen. Eine entscheidende Frage sei auch, die Gesellschaft gegen die Angriffe aus dem Cyberspace zu schützen, ohne dabei die Menschenrechte zu verletzten bzw. die Demokratie in Frage zu stellen.

Das österreichishce Heer überlegt noch

Der Problemkreis "Cybercrime, Cyberwar, Cyberterrorism" ist morgen, Freitag, auch Thema eines Arbeitskreises bei den Alpbacher Technologiegesprächen. Für das österreichische Bundesheer sei das Thema "Cyberwar" Gegenstand von "theoretischen Überlegungen, konkrete Aktivitäten setzen wir derzeit aber nicht", sagte Walter Erhardt vom Heeresnachrichtenamt, einer der Teilnehmer des Arbeitskreises. Das heimische Datennetz der Landesverteidigung bestehe zwar "ohne physikalische Verbindung zum Internet", dennoch müsse auch das Bundesheer - ebenso wie militärische Einrichtungen in anderen Ländern - mit dem Internet arbeiten bzw. sei es auf die Software ziviler Firmen angewiesen. Daher seien auch militärische Einrichtungen Gefahren wie Computer-Viren und -Würmern ausgesetzt, sagte Erhardt.

"Echolon ist gar nicht so schlimm"

Eine der größten Bedrohungen gehe von so genannten "Crackern" aus, "die darauf aus sind, aus persönlicher Initiative oder im Auftrag einer Organisation EDV-Netze lahm zu legen". Dies könne neben Auswirkungen auf zivile Einrichtungen wie die Wasser- und Stromversorgung auch Waffensysteme betreffen, sagte Erhardt. Als Konsequenz etwa auf das US-Abhörsystem "Echelon" sollten die Europäer viel stärker als bisher Verschlüsselungssysteme in der Datenkommunikation benützen. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Gefahren im Zusammenhang mit "Echelon" hält Erhardt dennoch in Abschätzung der technischen Möglichkeiten für übertrieben.(APA)

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