Je Mikro, desto sauber

29. August 2001, 18:42
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Hightech im Putzregal: Der Kosmos der Boden-Fliesen-Staubwischtücher befindet sich erst am Tag eins nach dem Scheuerlappenurknall.

Großmutters Putzkasten, der Hort allen Zubehörs für den samstäglichen Gesamthaus- und Haushaltsputz, war für Uneingeweihte, also für Kinder, ein Ort des Grauens. Zum einen war es den diversen Reibe- und Putzfetzen in allen erdenklichen Größen und Herkünften (recycelte Handtücher, umgewidmete Leintücher, alles von Großmuttern mit energischen Reißbewegungen ins rechte Maß gebracht) dank des lebendigen Reinigungstriebes der Hausfrau niemals gestattet, trocken zu werden. Mit anderen Worten, sie miachtelten durch die geschlossene Kastentür. Zweitens erhaschte schon der flüchtige Blick in das Reinigungskabinett diverse Totenköpfe samt gekreuzten Oberschenkelknochen, die hämisch auf jeder zweiten Putzmittelflasche die Botschaft verkündeten: Sauf mich, und du stirbst sofort eines grauenvollen Todes!

Putzmittelrevolution

Zum Glück. Diese Zeiten sind dank kultivierterer Hausgeister wie Meister Proper & Co hinüber, doch die eigentliche Putzmittelrevolution steht erst bevor, oder besser, unsere Generation darf mittendrin sein in diesem aufregenden Geschehen: Die neuen Reinigungsgeister entsteigen heute nicht den Braubottichen der Chemieindustrie, sie werden vielmehr in Form verschiedenartigster Fetzerln und Mops, Wischtücher und Reibelappen in den Forschungslabors der Reinigungsmittelproduzenten gezüchtet.

Grundrezept und Zutat: Mikrofaser

Wer heute im Supermarkt ein schlichtes Bodentuch kaufen will, der kann aus einem Sortiment wählen, das in seiner Reichhaltigkeit dem Yoghurtregal ein paar Meter weiter in nichts nachsteht. Wer sich dann auch noch dem hochtechnologisierten Segment der Staubwedel und Glasputztücher zuwendet, sollte schon zumindest einen Vormittag investieren, um die stets umfangreichen und hochinteressanten Beipacktexte gründlich studieren zu können. Das Grundrezept all der neuartigen Tücher besteht zumeist aus einer wichtigen Zutat: der Mikrofaser.

Porentief und kratzfrei rein ...

Mikroborstentücher versprechen porentiefe, dabei selbstverständlich kratzfreie Reinigung und veranschaulichen ihr Dreckbeseitigungsvermögen sicherheitshalber eindrucksvoll anhand mikroskopischer Vergrößerungsschemata. Andere Wischprodukte kündigen mittels feinster Saugporenbeschichtung wiederum streifen- und schlierenfreies Abtrocknen im Handumdrehen an. Super-Saugtücher werden als geschmeidig, reißfest, auskochbar, sehr haltbar, eigentlich so gut wie unverwüstlich gepriesen, und Mikrofaserlappen können sowohl für die Trocken- als auch die Feuchtreinigung von Parkett-, Fliesen- und Plastikböden, von Fenstern, Autorückspiegeln und Hundepfoten, schlicht, für alles, was sich abwischen lässt, verwendet werden.

Die solchermaßen gewonnene Sauberkeit hat freilich ihren Preis. Die Supertücher kosten ein Vielfaches etwa der herkömmlichen Bodentücher aus Baumwolle mit der charakteristischen Waffeloptik. Warum das so ist, erklärt Hans-Jürgen Wendelken, Entwicklungsleiter des deutschen Putzmittelkonzerns und Marktführers Vileda.

Zum einen, so Wendelken, seien die ausgeklügelten Kunststoffe, aus denen die neuen Tücher gemacht werden, ziemlich teuer, zum anderen würden erst "besonders aufwendige Prozesse" den ohnehin hauchfeinen Faden zur Mikrofaser veredeln. Der Querschnitt eines dieser Mikrofädchen entspricht einem Dreißigstel eines menschlichen Haares, würde man ein 100 Gramm leichtes Vileda-Mikrofasertuch auftrennen, so entspräche die Länge des Fadens der Breite der Bundesrepublik Deutschland. Dieser feinen Struktur sowie den öl- und fettophilen Eigenschaften der Kunststoffe ist es auch zuzuschreiben, dass die Mikrofasertücher Fettspritzer und Fingertapser ohne jeglichen Chemiezusatz im Putzkübel abzutragen imstande sind.

... und sauber fast ohne Chemiekeule

So ganz ohne reinigende Tenside, meint Wendelken, würde man allerorten zwar nich

Die groteske Artenvielfalt im Putzregal führt Wendelken auf reine Marketingstrategien in einem an und für sich gesättigten Markt zurück: "Als Verbraucher bin ich der Meinung, dass man das nicht unbedingt so halten muss, ich persönlich komme jedenfalls mit einem relativ begrenzten Putzmittelregal ganz gut aus." Das Unternehmen Vileda hatte übrigens schon früh eine Schauerlichkeit aus Großmutters Putzkabinett mittels Hochtechnologie verbannt, und zwar das so genannte Rehleder, nichts anderes als das behandelte Fell vom lieben scheuen Tier, mit dem zu unser aller Kinderabscheu Fensterscheiben trockengewischt wurden. Das neue Tuch kam nicht vom Rehlein sondern aus der Fabrik und machte dieser Barbarei ein für allemal ein Ende.

Von Ute Woltron
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