Erste staatliche Lipobay-Klage

23. August 2001, 09:33
posten

Italiens Justiz erwägt Verfahren

Turin/Saragossa/Hannover/Brüssel - Als erste staatliche Klage im Zusammenhang mit dem Cholesterinsenker Lipobay erwägt die italienische Justiz, ein entsprechendes Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den deutschen Pharmakonzern Bayer einzuleiten. Sollte sich herausstellen, dass Bayer das Medikament verspätet vom Markt genommen habe, sei auch eine Klage wegen vorsätzlicher Körperverletzung möglich, verlautete aus Turiner Justizkreisen. In Italien leiden rund 50 Menschen nach der Einnahme von Lipobay unter Muskelschwund.

In Saragossa wurde am Mittwoch die erste spanische Klage bekannt: Die Familie einer Ende Juli verstorbenen Frau ist der Ansicht, dass der Tod direkt mit der Einnahme von Lipobay zusammenhänge.

Vergleich mit Viagra

Aufhorchen ließ inzwischen in Deutschland die Ansicht des Pharmakologen Jürgen Frölich von der Medizinischen Hochschule Hannover. Er sagte im ZDF-Morgenmagazin, Bayer hätte den Cholesterinsenker nicht vom Markt nehmen sollen. Es gebe zahlreiche Medikamente, die weitaus mehr Todesfälle pro Jahr verursachen. Wenn man sich über 52 Todesfälle durch Lipobay aufrege, sollte man sich über bisher 900 Todesfälle mit der Potenzpille Viagra viel mehr aufregen.

Der US-Pharmakonzern Pfizer (Viagra-Hersteller) wies prompt darauf Meldungen über Todesfälle im Zusammenhang mit Viagra als "ungerechtfertigte Spekulationen" zurück. Meldungen über "unerwünschte Ereignisse" bedeuteten nicht grundsätzlich einen Kausalzusammenhang mit dem Medikament.

Ähnliches erklärt auch Pharmakologe Frö-lich zu Lipobay, die überwiegende Anzahl der Probleme sei durch eine unsachgemäße Anwendung des Medikaments entstanden. Tatsächlich waren laut bisherigen Erkenntnissen bei Todesfällen nach Einnahme von Lipobay Falschdosierungen oder Unverträglichkeit mit anderen Medikamenten im Spiel. (AP/dpa)

Share if you care.