Wohlbefinden aus dem Kühlregal

23. August 2001, 08:48
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Milchmischgetränke mit Zusatzstoffen sind gefragter denn je - aber auch umstritten

Bunt und verheißungsvoll leuchten Wellness-Drinks den Konsumenten aus den Regalen der Supermärkte entgegen: Angereichert mit Vitaminen, Spurenelementen oder Kräuterextrakten, versprechen sie Schluck um Schluck Gesundheit und Wohlbefinden. Besonders bei Milchmischgetränken werden Wellness und Functional Food, also Produkte mit gezieltem Zusatznutzen, derzeit groß geschrieben. Ein Trend, der vom Kunden ausgeht, weiß NÖM-Product-Managerin Anja Renz: "Die Leute wollen immer mehr Neues ausprobieren und alte mit neuen Produkten abtauschen."

Diverse Zusätze Ob die diversen Zusätze in den Milchgetränken tatsächlich die Gesundheit fördern, darüber wird derzeit viel und gerne diskutiert: "Das Marketing läuft hier der Wissenschaft voraus - es ist noch viel zu wenig bewiesen", sagt etwa Ernährungswissenschafterin Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation in Wien.

Wellness-Milchdrinks

Für Anja Renz sind die Ansprüche an die Wellness-Milchdrinks klar: "Wir machen keine Wirkversprechen und wollen auch keine Arzneimittel produzieren, sondern lediglich für mehr Wohlbefinden sorgen." Die große Nachfrage nach den Produkten sei auch eine Antwort auf den Zeitgeist: "Würde sich der Konsument vernünftig ernähren, hätte er die Zusatzstoffe gar nicht nötig."

Anreicherungen mit isolierten, synthetischen Stoffen Für Werner Lampert, Begründer der Bio-Marke "Ja! Natürlich" ist der Wellness-Boom in der Milchwirtschaft nicht mehr als Humbug, der mit Gesundheit nichts zu tun hat: "Das sind lediglich absurde Anreicherungen mit isolierten, synthetischen Stoffen ohne Konzept und Funktionalität. Den Produkten fehlen klare Wirkversprechen - sie sind nur teurer als andere und vom tatsächlichen Functional Food weit entfernt."

Auch die Konsumenten selbst sind sich über die Wirkung von Wellness-Produkten und Nahrungszusätzen uneinig: In einer Focus-Group-Studie von AC Nielsen etwa gaben die Befragten an, die Konsumation von Wellness-Getränken im Allgemeinen als "sinnvollen Beitrag zur Gesundheit" zu empfinden, bei Milchprodukten wird die Anreicherung mit Zusätzen sogar "begrüßt". Über die tatsächliche Wirksamkeit äußerten sie sich "positiv bis neutral" - ganz nach dem Motto "Hilft es nichts, so schadet's nichts".

Konsumenten zweifeln

In einer Umfrage des Magazins Konsument zum Thema gesunde Ernährung wiederum gaben 53 Prozent an, generell "keine Produkte mit zugesetzten Vitaminen und Mineralstoffen zu kaufen", 37 Prozent tun dies "manchmal", zehn Prozent greifen schon danach. Die Mehrheit der Befragten bezweifelte außerdem, "dass die Hersteller jene Waren, die sie mit gesundheitsbezogenen Angaben ausloben, auch tatsächlich hinreichend wissenschaftlich testen ließen."

Meinungsforscherin Sophie Karmasin beurteilt das Kaufverhalten bei der Wellness-Palette so: "Man reagiert gerne auf Versprechen und Wünschenswertes - die meisten Konsumenten sagen zwar, dass es nicht wirkt, kaufen aber trotzdem." Das Thema Wellness habe ohnehin nur in einer Kategorie, die an sich schon gesund ist, eine Chance, wie eben besonders bei Milchprodukten. (Isabella Lechner, DER STANDARD Print-Ausgabe 23.August 2001)

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