Speckschwarteln im Grüntee-Safterl

23. August 2001, 09:05
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Qual der Wahl - Vitamin- pillen, Fleisch oder Obst?

Nie zuvor herrschte in puncto Ernährung größere Verunsicherung: Flüsse und Meere sind verseucht, Tiere Antibiotika-gemästet, die Böden überdüngt. Was also essen oder nicht essen, um gesund zu bleiben? Mag sein, dass wir unseren Instinkt, was gut für uns ist, auf dem rasanten Entwicklungsweg verloren haben. Um so größer sollte daher das Bemühen sein, diese Instinktlosigkeit durch Hirnschmalz zu ersetzen.

Die Wissenschafter kauen sich die Nägel wund, um hinter die Geheimnisse der Vitamine und Spurenelemente zu kommen. Die Erkenntnisse sind aber immer noch zu wenig, um eine Art "künstliche" Nahrung zu schaffen, die der natürlichen gleich käme. So buhlt das Zauberwort "Bio" um die Gunst der verwirrten Konsumenten.

Gesetze statt Instinkten

Die EU reagiert mit der Ökoverordnung und knüpft an die Basisrichtlinien der internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) an, wo etwa 500 Verbände aus 70 Nationen organisiert sind. Die zentralen Punkte: ein generelles Verbot der Verwendung gentechnisch veränderter Organismen und auf deren Grundlage hergestellter Erzeugnisse sowie die Fütterung mit ökologisch erzeugten Futtermitteln ohne Zusatz von Antibiotika oder Leistungsförderern, die Erhaltung der Tiergesundheit und eine höchstmögliche Verbrauchersicherheit durch Kontrollen und Herkunftsnachweise für ökologisch erzeugtes Fleisch.

Brauchen wir überhaupt so viel Fleisch?

Aber brauchen wir überhaupt so viel Fleisch? Die Frage, ob der Mensch ein Pflanzen- oder Fleischverzehrer ist, entfacht immer wieder heftige Diskussionen und wird wohl aus einem simplen Grund nie völlig geklärt werden: Wir stehen genau in der Mitte!

Begonnen haben wir unser lukullisches Leben, indem wir die Blätter, Wurzeln und Früchte der Bäume verspeisten. Als wir endlich in der Lage waren, einen veritablen Speer zu fertigen, begann die große Lust am Fleischgenuss. Das Pendel schwang in Richtung Pflanzenmahl zurück, sobald wir sesshaft geworden sind und unsere Felder bestellten. Erst etwa 3000 v. Chr. wandten wir uns wieder vermehrt Steak & Co zu, weil wir Nutztiere domestizierten.

Stellung zwischen Pflanzen- und Fleischfresser

Der Aufbau des menschlichen Verdauungstraktes lässt ebenfalls darauf schließen, dass wir eine Stellung zwischen Pflanzen- und Fleischfressern einnehmen. Wir müssen Pflanzliches zu uns nehmen, da wir beispielsweise Vitamin C selbst nicht synthetisieren können. Und unsere Mahlzähne weisen auch darauf hin, dass wir eher auf pflanzliche Lebensmittel ausgerichtet sind. In der Jäger-und-Sammler-Zeit wurden aber etwa 190 Gramm tierisches Eiweiß pro Tag verzehrt. Mit heute lässt sich dies kaum vergleichen, da sich damals niemand ein paar fette Schnitten von einer Salami radelte, sondern man das Glück hatte, einen sehnigen Hirschen zu erwischen. Damit war die Aufnahme des tierischen Fettes von etwa 30 Gramm viel geringer als heute mit beachtlichen 130 Gramm. In den letzten vier Jahrzehnten brachten wir es auf einen Fleischkonsum von bis zu 100 kg pro Person und Jahr. Lediglich im späten Mittelalter sollen wir schon einmal ähnliche Rekordmengen verschlungen haben. Damals wie heute litten die Menschen unter den Folgen der geringen Aufnahme von Kohlehydraten, Ballaststoffen und Vitaminen.

Functional Food

Oliver Meixner von der Universität für Bodenkultur in Wien zeichnet für den STANDARD folgendes Szenario: "Functional Food und Drinks, Vitaminzusätze, Ballaststoffe werden genauso wichtig wie biologische Lebensmittel. In diesem Sinne greift der Konsument dann einerseits zur biologisch produzierten Wurst, schluckt eine halbe Stunde später eine Vitamintablette und nimmt zum Runterspülen einen entschlackenden Grüntee-Drink. Die Menschen werden aber immer auch Fastfood konsumieren, da der Zeitdruck subjektiv weiter zunimmt." (Dodo Kresse, DER STANDARD Print-Ausgabe 23.August 2001)

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