Auf dem Weg zu Habsburgs Donaumonarchie

22. August 2001, 22:41
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Der letzte national-tschechische König Georg von Podiebrad scheiterte letztlich an der konfessionellen Spaltung Böhmens. Dann erheiratete Habsburg Böhmen.

Beim Tod Sigismunds schien sich zum ersten Mal die Vereinigung Österreichs mit Böhmen und Ungarn zu jenem Reich, das Kerngebiet der Donaumonarchie bilden sollte, zu erfüllen. Die Heiratspolitik des letzten Luxemburgers hatte diesen Weg eröffnet: er verheiratete sein einziges Kind, seine Tochter Elisabeth, mit Albrecht V., Herzog von Österreich. Der Habsburger wurde durch seine Frau Erbe der Kronen von Ungarn und Böhmen, zugleich wurde er 1438 auch zum deutschen König gewählt (als Albrecht II.). Die hussitischen Utraquisten lehnten ihn als Böhmenkönig ab und wählten an seiner Stelle den König von Polen; doch Albrecht gelang es, die in Schlesien eingefallenen polnischen Truppen zu vertreiben. Allerdings starb er schon ein Jahr später, und sein Sohn - Ladislaus Postumus, (tschechisch Vladislav Pohrobek, der Nachgeborene) - befand sich noch im Mutterleib. Dessen Onkel, Albrechts Nachfolger im Reich, Friedrich III., hielt den Anspruch auf Böhmen und Ungarn für ihn aufrecht.

In dem auf diese Weise herrscherlosen Böhmen standen der zu Habsburg neigende katholische und gemäßigt-utraquistische Adel den strengen Utraquisten gegenüber, und es kam immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Herren insgesamt hatten von der hussitischen Revolution profitiert, weil sie sich vielerorts Kirchengüter angeeignet hatten; den Bauern, die die Hauptlast des Kampfes getragen hatten, ging es nun womöglich noch schlechter als zuvor, und die Städte hatten durch die Vertreibung von vielen ihrer deutschen Bürger wirtschaftlich schwer gelitten.

Als eine nach Prag entsandte päpstliche Delegation 1448 auf dem Verbot des Laienkelchs beharrte, entstand in der böhmischen Hauptstadt neue Unruhe. Der Führer der Utraquisten, Georg von Kunstadt auf Podiebrad (Jiri z Podebrad), nutzte die Situation zu einem Handstreich und besetzte die Stadt und den Hradschin. Kaiser Friedrich III., außerstande, einzugreifen, anerkannte Georg als "Gubernator", der Böhmen bis zu Ladislaus' Volljährigkeit verwalten sollte, und der Landtag bestätigte dies. Der Podiebrader, der dem Land endlich den Religionsfrieden sichern wollte, zwang die gegen ihn Opponierenden von "links" und "rechts", die Reste der Taboriten wie auch die katholischen Rosenberger, zur Anerkennung dieser Lösung. Den Chef des Hauses Rosenberg befriedete er durch die Ernennung zum Statthalter in Schlesien und der Lausitz.

1453 wurde der 14jährige Ladislaus Postumus in Prag zum König von Böhmen gekrönt, starb aber schon vier Jahre später. In Ablehnung der Ansprüche, die die Habsburger und die Gatten der Schwestern des Postumus auf die Wenzelskrone erhoben, kürte der böhmische Landtag unter Berufung auf sein altes Wahlrecht Georg von Podiebrad zum König. Da die katholischen Bischöfe seine Krönung ablehnten, erkaufte sich Georg diesen Weiheakt durch ein geheimgehaltenes Treueversprechen gegenüber dem Papst; zwei ungarische Bischöfe krönten ihn. Daraufhin belehnte ihn auch Kaiser Friedrich III. mit den böhmischen Kronländern.

Georg war bemüht, die in der Hussitenzeit entstandenen Kriegsschäden, vor allem in Prag, zu beseitigen. Dort wurden die große Teynkirche auf dem Altstädter Ring und der Pulverturm erbaut und das Neustädter Rathaus wiedererrichtet. Die diplomatischen Fäden, mit denen er seine durch die Doppelgleisigkeit der Bekenntnisse in Böhmen immer noch prekäre Herrschaft absichern wollte, ließen ihn sogar - freilich erfolglos - einen Friedensverein christlicher Fürsten anregen. Sein Ansehen war so groß, dass der Papst von ihm eine wirksame Abwehr der auf dem Balkan vorrückenden Türken erwartete und deutsche Fürsten ihn als König an die Stelle des untätigen Friedrich setzen wollten. Dazu hätte er die Unterstützung des Papstes gebraucht, und in Verhandlungen mit Rom zeigte er sich zur teilweisen Rückgabe von Kirchengut und zur Bekämpfung der taboritische Ideale hochhaltenden Sekten (wie die Böhmischen Brüder) bereit. Die Kelchanhänger, die ihn auf den Thron gesetzt hatten, nahmen das nicht hin, und Georg musste die Einhaltung der ihre Religionsfreiheit sichernden Prager Kompaktaten erneut feierlich beschwören.

Damit waren Georgs Aussichten auf die deutsche Krone geschwunden - Rom eröffnete den Prozess gegen den "Ketzerkönig". Alle seine Untertanen wurden ihres Treueids entbunden, es bildete sich eine katholische Adelsfronde gegen ihn, Ungarns König Matthias Corvinus ging mit Heeresgewalt gegen ihn vor, annektierte Mähren, Schlesien und die Lausitz und ließ sich vom katholischen Herrenbund zum König von Böhmen wählen. Kaiser Friedrich, den Georg vor einer Rebellion der Wiener gerettet hatte, blieb allerdings untätig, kein Reichsheer griff in die Streitigkeiten ein, und Georg gelangen militärische Schläge gegen die Ungarn. Seinen katholischen Widersachern nahm er den Wind aus den Segeln, indem er nicht seine Söhne, sondern die unverdächtig katholischen polnischen Jagiellonen zu Nachfolgern bestimmte. 1471 starb der - nach dem Aussterben der Przemysliden anderthalb Jahrhunderte zuvor - letzte nationaltschechische König.

So folgte der Jagiellone Ladislaus (Vladislav) II. auf den böhmischen, und nach Corvinus' Tod auch auf den ungarischen Thron (Polen hingegen verblieb getrennt davon seinem älteren Bruder). Auch er musste zwischen Katholiken und Utraquisten lavieren. Als Katholik förderte er die Kirche und den katholischen Adel, das hatte 1383 eine blutige Erhebung in Prag gegen Katholiken und Juden zur Folge. Schließlich gelang ein Ausgleich in dem in der Bergwerksstadt Kuttenberg /Kutna Hora geschlossenen Religionsfrieden, aus dem allerdings die Brüdersekten ausgeschlossen blieben. Ladislaus musste 1500 in der "Landesordnung des Königreichs Böhmen" dem Adel - gegen den Widerstand der Städte - weitgehende Rechte einräumen, wodurch die Königsmacht weiter eingeschränkt wurde. Durch einen Vertrag mit dem Habsburger Maximilian I. kam es 1515 zu der Doppelhochzeit in Wien, bei der der noch im Kindesalter befindliche Kaiserenkel Ferdinand Anna, der Tochter Ladislaus', und dessen Sohn Ludwig mit Maximilians Enkelin Maria verheiratet wurden. Durch Ludwigs Tod 1526 in der Schlacht gegen die Türken bei Mohacs fielen die Wenzels- wie die Stephanskrone den Habsburgern zu.

(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 18./19. 8. 2001)

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