Die hussitische Revolution

22. August 2001, 22:37
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Der Märtyrertod von Jan Hus in Konstanz löste den sozialrevolutionären Aufstand der Hussiten aus. Er führte auch zur massenhaften Vertreibung der Deutschen.

Die Nachricht vom Feuertod des Jan Hus löste in Böhmen ungeheure Empörung aus. Selbst zahlreiche Herren und Ritter verwahrten sich gegen den Vorwurf, "Ketzer" zu sein. Sie beharrten, zusammen mit vielen tschechischen Priestern, auf ihrem Bekenntnis zu Hus' Reformideen. Als Zeichen des Widerstandes beharrten sie auf der vom Konstanzer Konzil ausdrücklich verurteilten Erteilung der Kommunion "sub utraque specie", in beiderlei Form, also auch der Wein sollte von allen Laien genossen werden. Die Anhänger des Laienkelchs wurden Utraquisten oder Calixtiner genannt, in den Nachbarländern sprach man allgemein von Hussiten. Ihre Theologen stellten vier Artikel auf, die die Grundlage der reformierten böhmischen Kirche bilden sollten: Neben dem Laienkelch waren dies freie Predigt und Verkündung des Evangeliums in tschechischer Sprache, Abschaffung des weltlichen Besitzes der Geistlichen und staatliche Bestrafung von Todsündern.

Kirchenbann und Interdikt konnten die hussitische Massenbewegung ebenso wenig aufhalten wie König Wenzels Anordnung, dass der Laienkelch nur außerhalb der Städte verabreicht werden dürfe. Böhmen kam nicht mehr zur Ruhe, Wenzel konnte die Autorität der Kirchenoberen nicht durchsetzen, hielt aber an den konservativen Stadträten fest, wobei die meisten Deutschen in den Städten katholisch blieben. Als eine hussitische Prozession am 30. Juli 1419 die Stephanskirche in der Prager Neustadt besetzte und der Stadtrat die Freilassung verhafteter Anhänger verweigerte, wurde das Neustädter Rathaus gestürmt und 13 Ratsherren - zur Hälfte Deutsche - aus dem Fenster in die Spieße der unten tobenden Menge geworfen (sie kamen also nicht so glimpflich davon wie die Opfer des zweiten Prager Fenstersturzes, der den 30-jährigen Krieg auslöste - denn diese fielen auf einen Misthaufen).

König Wenzel erlitt in den Tagen darauf zwei Schlaganfällle und starb. Sein Nachfolger in Böhmen war nun sein Halbbruder Sigismund, bereits ungarischer und deutscher König. Er hatte zwar die Kirchenspaltung beendet, aber war gegenüber Hus wortbrüchig geworden. Deshalb war er bei den hussitischen Tschechen verhasst. Er wagte sich daher vorerst nur nach Brünn, wo ihm die Stände huldigten, und dann nach Breslau, um ein Heer gegen die aufständischen Hussiten aufzustellen, zumal Papst Martin V. zu einem Kreuzzug gegen die böhmischen "Ketzer" aufgerufen hatte. Prag war inzwischen bereits in der Hand der Hussiten, in allen Kirchen wurde der Laienkelch eingeführt; die vom kriegserfahrenen Ritter Jan Zizka von Trocnow geführten Aufständischen eroberten auch die Festung Visehrad. Sigismunds Versuch, Prag einzunehmen, scheiterte kläglich; lediglich auf dem Hradschin, der noch von der königlichen Besatzung gehalten wurde, konnte er sich in aller Eile krönen lassen, musste sich dann aber zurückziehen. Die radikalen Kräfte unter den Hussiten gaben sich nicht mehr mit den kirchenreformerischen Zielen zufrieden. Sie wollten eine grundsätzliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Als Taboriten (so nannten sie sich nach dem biblischen Berg Tabor) verlangten sie die Aufhebung der Sakramente mit Ausnahme von Taufe und Abendmahl, Abschaffung des Priesteramtes, der Feiertage, der Heiligenverehrung und überhaupt eine Gemeinschaft der Gleichen nach dem Vorbild des Urchristentums. Einrichtungen der Kirche, die Güter und Häuser der verhassten Kirchenfürsten und des konservativen Adels wurden zerstört, und der Hass richtete sich insbesondere gegen die kelchfeindlichen Deutschen, die grausam heimgesucht und massenhaft aus den Städten vertrieben wurden. "Die Prager Kleinseite wurde zum Scheiterhaufen, auf dem Menschen und Häuser verbrannten" (Pavel Kohout). Die extreme Sekte der Orebiten (nach dem Berg Horeb) errichtete 1422 in Prag eine republikanische Diktatur, die wurde nach wenigen Wochen in Bruderkämpfen niedergeworfen. Jan Zizka als Anführer der Taboriten erwies sich als genialer Führer, der binnen kurzem aus den aufständischen Massen ein schlagkräftiges Volksheer aufstellte. Die deutschen Fürsten zeigten sich wenig bereit, zu den Reichskriegen, zu denen Sigismund aufrief, Truppen beizustellen. Drei weitere "Kreuzzüge" gegen die Hussiten endeten ebenso mit blutigen Niederlagen wie der Einfall des habsburgischen Herzogs Albrecht V. in Mähren. Nun gingen die Hussiten - nach Zizkas Pesttod übernahmen zwei Prokop, der "Kahle" oder "Große" und der "Kleine", die Führung - ihrerseits zum Angriff auf die Nachbarländer über und verheerten in ihren Kriegszügen Schlesien, Sachsen, Franken, Brandenburg sowie das nördliche Österreich und fielen sogar in Polen ein.

Nach einer schweren Niederlage bei Taus/Domazlice (1431) setzte Sigismund auf Verhandlungen. Dabei zeigten sich die gemäßigten Calixtiner, zu denen sich auch der tschechische Hochadel bekannte, zu Kompromissen bereit, waren sie doch durch die taboritischen Versuche, den "Gottesstaat" einzuführen, verschreckt. Ein böhmisch-mährischer Landtag nahm die "Prager Kompaktaten" an, in denen die Kommunion von Brot und Wein zugestanden und die Enteignung von Kirchengut (was zumeist dem Adel zugute kam) sanktioniert wurden. Niemand sollte zum Wiederaufbau der zerstörten Burgen und Klöster gezwungen werden, den geflüchteten Deutschen sollte die Rückkehr versagt bleiben, öffentliche Ämter sollten nur Tschechen bekleiden. Die Taboriten und Orebiten lehnten diesen Vertrag ab. Daraufhin kam es zum Kampf zwischen einem calixtinisch-katholischen Adelsheer und den Radikalen: Bei Lipany in Nordostböhmen wurden diese vernichtend geschlagen, die beiden Prokop fielen im Kampf (1434), viele ihrer bäuerlichen oder proletarischen Anhänger wurden in Scheunen verbrannt. So tilgte der Adel den Versuch, die ständische Ordnung zu zerbrechen. Sigismund, in Rom zum Kaiser gekrönt, beschwor die Kompaktaten und konnte daraufhin in Prag einziehen, ehe er ein Jahr später starb (1437). (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 11./12. 8. 2001)

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