Zellteilmechanismus durchschaut

22. August 2001, 22:23
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Forscherinnen in Wien auf der Spur einer folgenschweren Mutation

Wien - Zellteilung kann Ihre Gesundheit gefährden - zumindest wenn sich etwa die dabei verdoppelten Chromosomensätze nicht voneinander trennen. Dann häufen sich mehrere Kerne in der Zelle.

Ob der Fehler ursächlich zu Tumorbildung führt, ist nicht gesichert. Dafür spricht, dass viele Krebszellen instabile Chromosomen aufweisen. Zwei junge Wissenschafterinnen in Wien haben nun jene Stelle an der Eiweißverbindung zwischen den Chromosomensätzen aufgespürt, an der das Problem sitzt. Silke Hauf und Irene Waizenegger vom Boehringer-Ingelheim-Institut für Molekulare Pathologie (IMP) konnten zeigen, dass eine bestimmte Mutation dieses verbindenden Proteins (Kohäsin) die geordnete Trennung der Chromosomensätze verhindert. "Nor- malerweise bekommt die Zelle ein Signal", erläutert die Medizinerin Hauf, "und dann fallen die Kohäsine ab, es entstehen zwei Tochterzellen mit je einem Kern." Die Aufspaltung übernimmt ein anderer Eiweißkomplex, die Separase, was bis dato von Bäckerhefezellen bekannt war.

Außer es liegt die erwähnte Mutation vor. "Bisher war aber vollkommen unklar, ob der Mechanismus auch in der menschlichen Zelle gilt", erklärt die Biologin Waizenegger, der diese Erkenntnis ihre erste Publikation in Science (Nr. 293, S. 1320) einbrachte.

Gemeinsam mit Silke Hauf konnte sie die erfolgreiche oder gescheiterte Zellteilung an in Laborkulturen weitergezüchteten Krebszellen mittels Videomikroskopie beobachten. Dazu wurde die genetische Information fluoreszierend eingefärbt, das Ganze mit UV-Licht bestrahlt und alle paar Minuten ein Bild gemacht.

Auf dem so entstandenen Film zeigen sich die Folgen eines wahres Protein-Feuerwerks. Manche Eiweiße drücken die Chromosomenpaare aufeinander zu, andere ziehen sie wie auf einer Spindel auseinander. Dazwischen wuseln so genannte Motorproteine. Bei Zellen mit der eingebauten Mutation scheitert das rege Treiben.

Viele Proteinaktivitäten sind unerforscht. Als Nächstes soll geklärt werden, ob die nun gesicherte Mutation die Zellen tumorös entarten lassen kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 8. 2001)

Von Roland Schönbauer
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