"Barrierefrei bauen interessiert niemand"

22. August 2001, 20:03
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Der Sprecher des Behindertenberatungs- zentrums "Bizeps" kritisiert die Wiener Bauordnung

    Es ist für Behinderte deprimierend täglich die Mängel der Bauordnung am eigenen Leib zu verspüren - Stufen, Schwellen, versperrte Türen. Richtlinien für behindertengerechtes Bauen gäbe es - sie wurden aber nur teilweise in die als Pflichten in die Bauordnungen aufgenommen.

Es ist für Behinderte deprimierend täglich die Mängel der Bauordnung am eigenen Leib zu verspüren - Stufen, Schwellen, versperrte Türen. Richtlinien für behindertengerechtes Bauen gäbe es - sie wurden aber nur teilweise in die als Pflichten in die Bauordnungen aufgenommen.

Von Andrea Waldbrunner Wien - "Niemand ist interessiert." Manfred Srb, Sprecher des Behindertenberatungszentrum "Bizeps" redet sich in Rage, wenn es um "barrierefreies und behindertengerechtes Bauen" geht. "Unsere Vorschläge wurden abgeschmettert, jetzt steht in der Wiener Bauordnung (Novelle beschlossen im Dezember 2000) eine Schmalspurversion." Theresia Haidlmayr, Behindertensprecherin der Grünen der Bundespartei ergänzt: "Nicht behindertengerecht zu bauen gilt als Kavaliersdelikt." Sie fordert ein Gleichstellungsgesetz nach US-Vorbild.

Auslöser der Diskussion ist ein STANDARD-Bericht, wonach der Milliarden teure Neubau des Museumsquartiers von Experten als "behindertenuntauglich" befunden wurde.

Gut gemeinte Norm

Am liebsten hätten Behindertenvertreter, wenn die Richtlinien des Österreichischen Normungsinstituts (ÖN) für "barrierefreies Bauen" in der Bauordnung enthalten wären. Die Önormen 1600 bis 1602 beschreiben detailreich wie für Behinderte, ältere Menschen, Familien mit Kinderwägen die Wege geebnet werden könnten. Aber: "Die Önorm ist eine Empfehlung ohne Verbindlichkeit," weist Johannes Stern vom ÖN hin.

Stattdessen liegt die Bauordnung in Länderkompetenz - und darin ist nur ein Teil der ÖN-Empfehlungen aufgenommen. Zusätzlich gelten Sicherheitsvorschriften aus dem Veranstaltungsgesetz.

Tücken des Gesetzes

In der Wiener Bauordnung finden sich beispielsweise verbindlich Regeln für "barrierefreies Bauen" für Neubauten, Gebäudesanierungen und Altbauten.

Vorgesehen ist, dass Neubauten "barrierefrei" zu errichten sind. Im Zuge von Sanierungen müssen bestehende Gebäude nachgerüstet werden. Bei Altbauten ist es schwierig: Diese müssen nach jener Gesetzeslage ausgerüstet sein, die im Baujahr des Hauses (z.B. 1885) gültig war.

Warum trotz bestehender Normen diese selbst bei Neubauten nach Meinung von Haidlmayr und Srb "nicht eingehalten werden" liege zumeist an "Gedankenlosigkeit und Ignoranz". Keinesfalls sind nach Ansicht eines Vertreters der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) "die Kosten ein Argument". Es mache keine Unsummen aus, wenn Aufzüge, breitere Türen und ähnliches in öffentlichen Gebäuden gleich miteingebaut würden.

Und auch nach Ansicht eines Sprechers von Wohnbaustadtrat Werner Faymann (SP) dürfte es das Problem gar nicht geben: Denn nach der "Fertigstellungsanzeige" eines Bauwerbers würde durch einen Zivilingenieur bestätigt, dass ein Gebäude gemäß der Bauordnung - also auch "barrierefrei" - errichtet worden sei. Dazu gebe es auch Überprüfungen der Baupolizei, wenn beispielsweise ein Mangel angezeigt werde. Dann könne die Baupolizei einen "Abtragungs- oder Herstellungsauftrag" erlassen, der den Mangel beseitige.

Im Falle des möglicherweise "behindertenuntauglich" errichteten Museumsquartiers wurde im Büro Faymann angekündigt, eine Überprüfung einleiten zu wollen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.8.2001)

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