Stahlkochen. Eine Erregung?

22. August 2001, 19:31
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Der Versuch von Zuidelijk Toneel Hollandia, Viscontis "Fall der Götter" in ein Kammerspiel-Korsett zu zwängen, verwöhnt auf der Perner-Insel mit kreidegrauer Fadesse

Hallein - Thomas Mann nannte seinen gerade 40 Jahre umspannenden Generationenroman Buddenbrooks bereits den "Verfall einer Familie". Als ob binnen einem und einem Drittel Menschenleben ein ganzes großes, aus hartfaserigem Lübecker Holz geschnitztes, mit protestantischer Sittlichkeit zäh aufpoliertes, von Erlahmung geprägtes Geschlecht jäh in sich zusammenfallen könnte.

Luchino Visconti fasste in seinem betörenden Großindustriellenfilm Der Fall der Götter (La caduta degli dei) die Verfallsspanne noch erheblich kürzer. Gerade von der Machtergreifung der Nazis bis zum berüchtigten Röhm-Putsch reicht diese sündhaft schöne Menschheitsdämmerung, diese Sündenfall-Studie des Großkapitals im großkotzigen Deutschland des Nulljahres '33.

Visconti hat die lieben Verfallenden fein umsäumt mit aufwendigen Dekors. Er hat sie hochgehoben in die Sphäre des sinnlich Überreizten, hat die Schliche der Machtgierigen und Schmierigen in die Boudoirs der Infamie verwiesen. Bei "Essenbecks", so der raffinierte Befund des adeligen Filmers, geht es zwar auch nur zu wie bei Meiers um die Ecke oder wie bei Macbeths in Schottlands Torf. Sie wetzen, petzen, lügen, pistolenknallen, glucken und greinen, dass es kracht. Bei Zuidelijk Toneel Hollandia kracht es nicht so sehr; es wispert eher, plaudert kurios und findet für die Dauer einer Erschießungsszene im platschenden Regenwasser sogar zu einem bezwingenden Moment.

Aber das Stammbaum-Schlägern reicht ja zugleich tief hinab in einen unbewussten Mythenabgrund. Und wer bei Visconti also wollte, konnte an die Stahlköche Thyssen und Krupp leise schaudernd denken, ansonsten aber Wahnvater Wotan still betrauern und darüber nachsinnen, warum für eine kurze, filmgeschichtliche Sekunde lang Helmut Berger die bessere Marlene Dietrich war.

Lauter Gründe eigentlich, um als (holländische) Theatertournee-Truppe von der Wahnsinnsunternehmung Abstand zu nehmen, den sündhaft glänzenden Visconti-Schinken auf der viel zu großen Salinenbühne der Halleiner Perner-Insel in einer Art Light-Version betriebslustig nachzustellen.
Die Chronik nämlich ist der stille, würgende Tod einer jeden Bühnenkunst. Kleine Domestikenfiguren in weißen Frackwesten sprechen zwischen kühn geschwungenem, aber sparsam verstreutem Gusseisenmobiliar auf einem Floß aus Lärchenholzbrettern so erhebende Szenenüberschriften wie: "Sophies Schlafzimmer. Sophie ist nackt . . .", wobei die Schauspielerin der Sophie sogleich freudig lachend aufbegehrt: "Nackt? Nein!" Aber nie und nimmer nicht! Wo kämen wir denn da hin?

Das Theater von Hollandia spielt, in tapferer Überschreitung der holländisch-deutschen Sprachgrenze, den prachtvoll ausstaffierten Visconti-Knaller hingehuscht als Roman-Index zum schnellen Durchblättern, getaucht in aschfarbenes Grablicht, klöppelnd untermalt von Heiner Goebbels' dürrer Klang-Kitschpracht.

Hegels Weltgeist

Der Göttervater Joachim Essenbeck spricht brav greisenhustend von der Stirnseite der Familientafel über Hegels "Weltgeist", dem sein Konzern von jeher verpflichtet sei. Und so weiter. Bisweilen bekommt man die philosophische Sentenzen brav vorgesetzt, und das neueste Theater, das jetzt in den späten 80ern wieder ankommt, bekleidet seine dramaturgische Splitternacktheit mit der Fadesse der solide gearbeiteten Lindenstraße im Nazi-Rock.

Sogleich huscht der Schauspieler aber wieder fort zur nächsten Sitzgelegenheit. Jeroen Willems muss nämlich den rachitischen Intriganten Bruckmann gleich mit übernehmen, und er darf zudem den schmierigen Baron Martin von Essenbeck mimen, komplett mit Borsalino und verschwitzt erkicherter, schwer erklügelter Pädophilie.
So kippt der morsche Stamm und ist innen ganz hohl und außen glatt poliert und tut niemandem weh. Viel Applaus für einen Pflanz.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. August 2001)

Ronald Pohl

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