Ambulanzgebühr: Zur Kasse gezwungen - von Lisa Nimmervoll

22. August 2001, 19:17
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Ein ganz normaler Tag im Leben eines Stoffwechselkranken: Mindestens vier Stunden pro Tag müssen die 800 Patienten, die an der unheilbaren Erbkrankheit Mukoviszidose leiden, für das lebensnotwendige Inhalieren und für spezielle Klopftherapien zur Säuberung der chronisch verschleimten Atemwege aufwenden. Zusätzlich sind regelmäßige Besuche in Spezialambulanzen notwendig. Seit April sind dafür 250 Schilling Ambulanzgebühr zu zahlen.

Im Gegensatz zu anderen chronisch Kranken sind Mukoviszidose-Patienten nicht von dieser Gebühr befreit. Und das, obwohl sie sich schon früh an das Sozialministerium gewandt haben. Vergeblich, obwohl Mukoviszidose-Patienten "unter keinen Umständen bei einem niedergelassenen Arzt behandelt werden können", wie es aus deren Selbsthilfegruppe heißt. Ähnlich etwa ist die Situation der Drogensüchtigen - für sie gibt es in der ganzen Steiermark nur eine Ambulanz.

Für die Betroffenen ist die Begründung der Regierung, die Patienten könnten der Ambulanzgebühr ja entkommen, indem sie zu niedergelassenen Ärzten abwandern, reiner Hohn. Drastisch ausgedrückt bedeutet das für Mukoviszidose-Patienten so viel wie: Friss (und zahl) - oder stirb.

Die Tragfähigkeit von Solidargemeinschaften zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgehen. Die Ambulanzgebühr widerspricht den Prinzipien der Solidarität und der Gleichbehandlung. Hilfsbedürftige werden zur Kasse gebeten oder gar ausgeschlossen. Die Gebühr hat auch nicht den von der Regierung behaupteten Lenkungseffekt. Wenn diese dann auch noch mit alternativen Behandlungsmöglichkeiten argumentiert, die es gar nicht gibt, ist das besonders zynisch: Die Ambulanzgebühr erweist sich als reine Geldbeschaffungsaktion. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23.8.2001)

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