Österreichs blaue Mauritius

22. August 2001, 18:22
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Mangelnde Fantasie beim Geldeintreiben kann dem heimischen Fiskus wohl keiner vorwerfen. Noch bevor die Post auf die Idee kam, die 1840 von den Engländern erfundene Briefmarke zu kopieren, schlug 1848 Johann Deodat Freiherr von Spiegelfeld vor, die Briefmarke als Stempelmarke zu drucken und anstelle des leicht zu fälschenden Papierstempels für die Steuerentrichtung einzuführen.

Denn im Kern ist die Stempelgebühr, später eine Stempelmarkengebühr, eine Steuer auf den Verbrauch von Papier und geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Ursprünglich in den Niederlanden erfunden, fand sie in ganz Europa Verbreitung. Aber mit der fortschreitenden Alphabetisierung der Bevölkerung und der Verbreitung des Schreibens wurde unter dem Druck des Abgaben-widerstands die Stempel-gebühr schließlich auf "rechtlich bedeutsame Schriften" eingeschränkt - Korrespondenz mit Behörden, Urkunden, Vollmachten wurden gegen Gebühr gestempelt. Eine Verordnung des Finanzministers griff schließlich den Vorschlag des Freiherrn von Spiegelfeld per 28. März 1854 auf. Seit 1. Mai 1854 gab es in Österreich und bald darauf in anderen europäischen Ländern die "Stempelmarke", mit der der Staat seinem Bürger das Lecken hieß, zuletzt noch rund 15 Millionen Mal im Jahr. Spiegelfeld machte dank seines Ideenreichtums Karriere und brachte es zum letzten Chef der österreichischen Finanzverwaltung in Venedig. Die Stempelmarke (zumindest die österreichische) wird ab 2002 nur noch "Erinnophilie" sein, wie in der Philatelie das Sammelgebiet "nicht postalischer Marken" bezeichnet wird. (spu, DER STANDARD, Printausgabe 23.8.2001)

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