Tories vor der Zerreißprobe

23. August 2001, 12:07
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Großbritannien: 300.000 Mitglieder sollen neuen Parteichef küren

Margaret Thatcher wählte drastische Worte. Sollte Kenneth Clarke neuer Vorsitzender der Tories werden, würde er die Partei mit Sicherheit "ins Verderben führen", erklärte Britanniens Eiserne Lady diese Woche. Damit sind die Fronten klar abgesteckt. Von den letzten drei konservativen Premierministern hat sich lediglich John Major zu Clarke bekannt, während sich Thatcher und William Hague - der nach der neuerlichen Wahlniederlage der Tories im Juni zurücktrat - hinter Clarkes Rivalen Iain Duncan Smith gestellt haben.

Europa ist und bleibt das zentrale Thema dieses Rennens um den Chefsessel bei den Konservativen. Diese Woche sind die Stimmzettel an die rund 300.000 Parteimitglieder gegangen, bis 11. September müssen sie retourniert werden, tags darauf wird dann das Ergebnis bekannt gegeben. Ein Sieg des EU- und Euro-freundlichen Clarke würde dabei nicht nur nach Thatchers Ansicht "die Erosion der britischen Souveränität in Europa" bedeuten.

Angst vor Spaltung

Eine beträchtliche Zahl von Konservativen befürchtet zudem, dass unter Clarkes Führung eine Spaltung der insgesamt europaskeptischen Partei unvermeidbar wäre. Bereits in diesem Herbst steht die Abstimmung über den Vertrag von Nizza an, den die Tories ablehnen, Clarke aber befürwortet. Daher, hat er nun erklärt, werde er wegen dringender Geschäfte bei dem Votum eben nicht anwesend sein können.

Mit den Tories unter der Führung von Clarke hätte New Labour leichtes Spiel, warnte die Eiserne Lady. Woche für Woche könnten Tony Blairs Genossen ein Europathema aufs Tapet bringen und dann zusehen, "wie wir uns in Agonie winden". Thatcher-Gegner wiesen deren Anspruch, die Partei quasi als ihr Eigentum zu behandeln, empört zurück.

Profit durch Zigarettenschmuggel

Clarke ist aber inzwischen auch an einer anderen Front ins Zwielicht geraten. Während er Vizevorsitzender des Zigarettenherstellers British American Tobacco war, soll das Unternehmen bis zu einem Drittel seiner Profite durch Zigarettenschmuggel gemacht haben. Clarke will nichts davon gewusst haben.

Doch wer Clarke ablehnt, sieht in dem wertekonservativen Duncan Smith nicht unbedingt eine überzeugende Alternative. Weder der eine noch der andere stelle jene Modernisierung und Reformen in Aussicht, die allein der Partei das Überleben sichern könnten, warnte Schattenaußenminister Francis Maude. Auch für Maude stellt sich die Lage drastisch dar: Entweder die Tories würden in Bälde ihre allzu rechten Grundpositionen überdenken oder Gefahr laufen, noch hinter die Liberaldemokraten auf den dritten Platz abzusinken.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2001)

Standard-Korrespondentin Brigitte Voykowitsch aus London
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