Franzosen hegen Euro-Misstrauen

22. August 2001, 15:14
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Franzosen halten es beim Euro mit Vogel-Strauß-Taktik - Amnestiegesetz - Schiffe mit Euro-Münzen nach Übersee - Sorge über verdeckte Preiserhöhungen

Paris - Vier Monate vor dem Ende des 641 Jahre alten Franc ist in Frankreich keine Begeisterung für die Gemeinschaftswährung zu spüren. "Noch stecken die Franzosen wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand, wenn es um den Euro geht", sagt Daniel Tournez von der gewerkschaftsnahen Verbraucherorganisation INDECOSA-CGT. In einer Umfrage für die Europäische Zentralbank (EZB) rangiert die "Grande Nation" irgendwo zwischen mäßig informiert und skeptisch.

Die Informationskampagnen der Regierung plätscherten im Sommer im allgemeinen Desinteresse dahin. Im Fernsehen müht sich eine Euro-Familie, Fragen zur neuen Währung locker in Form von Sketchen zu beantworten. Das Lächeln des als Euro-Botschafterin auserwählten Mädchens Lise elektrisiere nicht gerade die Massen, bemerkte "Le Figaro". Nach der Rückkehr aus den großen Ferien muss Frankreich noch zahlreiche Hausaufgaben erledigen. So haben viele kleine Betriebe noch gar nicht mit den Vorbereitungen auf die Währungsumstellung begonnen.

Sorge über verdeckte Preiserhöhungen

Bis Anfang Dezember sollen 70 Prozent aller Zahlungen in der neuen Währung abgewickelt werden, hat sich die Linksregierung von Premierminister Lionel Jospin zum Ziel gesetzt. Im Juli waren es gerade mal 4,3 Prozent. Tournez setzt darauf, dass die in Frankreich viel benutzten und seit Juli meist in Euro ausgestellten Scheckhefte die Franzosen wachrütteln: "Die Leute spüren den Euro jetzt ein bisschen in der Tasche."

Sorge über verdeckte Preiserhöhungen und die komplizierte Umrechnung beherrschen die Diskussion über den Euro. Das Umsteuern dürfte jetzt schwer werden: "Die Franzosen sind von Natur aus nörgelig", weiß der Direktor des Euro-Instituts in Lyon, Alain Malegarie, um den bisweilen schwierigen Charakter seiner Landsleute.

Regierung hat zu lang gezögert

Die Regierung habe bei der Öffentlichkeitsarbeit zu viel Zeit verloren und zwei Jahre lang Eurogegnern wie dem Linksnationalisten Jean-Pierre Chevenement oder dem Rechten Charles Pasqua das Feld überlassen, bedauerte Malegarie im "Figaro". Der Arbeitgeberverband MEDEF kritisiert das mangelnde Engagement der Behörden.

Einige Franzosen haben inzwischen mit ihrer ganz privaten Vorbereitung auf den Euro begonnen. Derzeit überschwemmen 500-Franc-Scheine das Land - Banknoten im Wert von schätzungsweise 150 Mrd. Franc (22,9 Mrd. Euro/315 Mrd. S) schlummerten bisher in Sparstrümpfen.

Keine Nachzahlungen

Die Herkunft des Bargelds dürfte auch den Fiskus interessieren, doch die Steuerbehörden können nicht mit Nachzahlungen rechnen. Die Regierung legte im Frühjahr ein Gesetz mit dem schönen Titel "Notmaßnahmen für Reformen mit wirtschaftlichem und finanziellem Charakter" vor. Artikel 9 befreit die Banken von der Pflicht, im Zeitraum zwischen Dezember 2001 und Juni 2002 Bargeldumtauschaktionen bis zu einem Wert von 10.000 Euro den Behörden zu melden. Das Parlament billigte die verkappte Amnestie ohne Murren.

Wegen der langen Wege hat die Versorgung der vier französischen Übersee-Departements mit dem europäischen Gemeinschaftswährung schon begonnen. Auf Reunion, Guadeloupe und Martinique sind die ersten Euro-Münzen an Bord von Schiffen der Marine angekommen. (APA/AP)

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