Warnung vor "eugenischer Leibeigenschaft"

22. August 2001, 12:11
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Philosoph Rüdiger Safranski über "zusammengekaufte Eigenschaften" und die "Elite von Frankensteins"

Alpbach - Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski fordert einen neuen "moralischen Codex" in der aktuellen Gentechnik-Debatte. "Man muss die Debatte von der Warte der künftigen Generation sehen, die man ungefragt ins Dasein herüberzieht", sagte Safranski am Dienstagabend in einem Vortrag beim Europäischen Forum Alpbach.

Die Freiheit, eine Moral zu finden, sei heute eine risikoreiche Aufgabe, "da kein Moses mehr mit Gesetzestafeln vom Sinai herabsteigen wird. Aber wir haben keine andere Wahl, als selbst zu entscheiden, was wir mit uns machen und mit uns geschehen lassen."

Skepsis in der Phase der Beschleunigung

"Europa hat das Individuum, die Freiheit, den Erfindungsgeist entwickelt und groß gemacht", sagte Safranski. "Es scheint, dass gerade in der gegenwärtigen Phase der Beschleunigung die andere, ebenfalls mächtige europäische Tradition stärker zum Zuge kommen sollte: die der Skepsis, des Misstrauens und der Vorsicht." Die Werte, um die es gehe, so der Philosoph weiter, ließen sich heute "nicht mehr vom Baum pflücken". Die Freiheit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts fordere die Freiheit der moralischen Erfindungsgabe heraus.

Safranski warnte vor unabsehbaren Folgen des Eingriffs in die biologische Substanz: "Die Eugenik wird Konjunktur haben, und es kann sich eine neue Klassengesellschaft entwickeln von Menschen, die eugenisch modelliert wurden und solchen, die noch naturwüchsig und deshalb minder 'wertvoll' zur Welt kommen."

Zusammengekaufte Eigenschaften

Eine "Leibeigenschaft neuen Typs" werde entstehen. Safranski: "Wer in Zukunft seine Identität erfahren will, wird die Kataloge studieren müssen, mit deren Hilfe seine Eigenschaften zusammengekauft wurden. Es wird Prozesse der Kinder gegen ihre Eltern geben, die Schadenersatz einklagen wegen zu billiger Machart. Oder, was sogar schon vorgekommen ist, Kinder, die mit ihrem Leben nicht zurecht kommen, werden Eltern verklagen, weil sie es unterlassen haben, sie abzutreiben." Letztlich werde die Gentechnik auch die Haltung der Menschen zu Tod, Krankheit, Schicksal und Zufall verändern.

Als Triebkraft dieser Entwicklung sieht der deutsche Philosoph den Liberalismus. "Dieser Prozess verläuft nicht geplant, keine Elite von Frankensteins zieht im Hintergrund die Fäden, maßgeblich ist vielmehr auch hier die 'unsichtbare Hand' aus Ökonomie, Markt, Forschungskonkurrenz und Begehrlichkeit des Publikums. Keine Verschwörung von oben, sondern Angebot und Nachfrage werden die Entfesselung der gentechnischen Zivilisation herbeiführen."

Safranski wurde 1945 in Rottweil in Württemberg geboren und studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Frankfurt und Berlin. Er wurde unter anderem durch seine Biografien über E.T.A. Hoffmann, Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche sowie mit philosophischen Essays über die Wahrheit und das Böse bekannt. Die Bücher des in Berlin lebenden Privatgelehrten sind in 14 Sprachen übersetzt worden und haben weltweit ein breites Publikum für geistesgeschichtliche Themen sensibilisiert. (APA)

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