Kerscher über CL, Stronach und die Finanzen

22. August 2001, 11:31
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Der Tirol-Präsident im Interview

Innsbruck - Nach den internationale Erfolgen von Sturm Graz ist der FC Tirol heuer der Hoffnungsträger des österreichischen Fußballs. Vorbild sind die Grazer deshalb aber lange nicht, vielmehr die Bayern oder Real Madrid. Im Interview mit der APA-Austria Presse Agentur sprach Tirol-Präsident Martin Kerscher über die Champions League, Millionen, Kartnig und die nationale Konkurrenz.

Die Champions League verspricht sportlichen Ruhm, aber auch finanzielle Sicherheit. Wie wichtig ist der Aufstieg für Tirol?

Kerscher: "In Tirol hat es noch nie ein wichtigeres Spiel gegeben. Es geht um Sport, Wirtschaftlichkeit, Geld und das Ansehen des österreichischen Fußballs. Aber wenn wir es nicht schaffen, geht das Leben auch weiter. Von diesem Spiel hängt nicht das Leben ab, weder das von Spielern, noch jenes vom Verein."

Sturm Graz hat international in den vergangenen drei Jahren sehr viel erreicht. Ist Sturm das Vorbild von Tirol?

Kerscher: "Vorbild ist für uns Bayern oder Real Madrid. Sturm Graz hat meine Anerkennung für die Erfolge, ist aber kein Vorbild. Wir gehen einen anderen Weg."

Auch der Präsident?

Kerscher: "Kartnig hat es brilliant verstanden, sich zu vermarkten. Aber ich möchte in Wien noch unerkannt über den Stephansplatz gehen können. Kartnig kann das nicht mehr. Als wir zuletzt dort gewesen sind, ist er eine halbe Stunde später gekommen, weil er Autogramme gegeben hat. Und er hat das genossen."

Kartnig hat aber auch finanziell viel riskiert. Ist da die Situation mit Tirol vergleichbar?

Kerscher: "Wir sind in einer ähnlichen Situation. Wir haben aber mehr investiert, viele, viele Millionen."

Wie viel?

Kerscher: "Es ist eine abstrakte Zahl."

Wären mit der Champions League die Probleme gelöst?

Kerscher: "Wir wollen uns nicht über Nacht sanieren. Es würde nur den Weg zu einem Spitzenklub in Zentraleuropa beschleunigen. Wenn wir es nicht schaffen, versuchen wir es wieder. Scheitern wir, werden wir vom Weg auch nicht abgehen. Spieler werden dann nicht abgegeben."

Sie haben in den vergangenen Wochen von einem revolutionären Finanzierungsmodell für den FC Tirol gesprochen. Wie sieht das aus?

Kerscher: "In den nächsten zwei oder drei Wochen werden wir das Modell vorstellen, mit dem wir permanent unter die Top 30 in Europa wollen. Wir wollen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, dass wir einen sportlichen Schwächeanfall nicht spüren. Auf Grund dieses Modells bin ich ruhiger, denn ohne müssten wir die Champions League unbedingt schaffen. Es ist ein Finanzierungsmodell aus dem Ausland mit Venture Capital."

Welche Rolle spielen da die Stadion-Pläne mit einem geplante Ausbau für die EM 2008 auf eine Kapazität von 30.000 und einem Rückbau auf 25.000? Wäre der Rückbau um 5.000 Plätze nicht ein Schildbürgerstreich?

Kerscher: "Was jetzt passiert, ist ein Schildbürgerstreich. Ich habe immer gesagt, baut uns ein Stadion für 25.000 Zuschauer. Damals hat man gesagt, seid froh, wenn ihr die 17.000 voll bringt. Aber eine Umfrage hat ergeben, dass weit mehr als die Hälfte der Tiroler Interesse am FC Tirol haben. Für den Umbau hätten wir Unannehmlichkeiten, müssten Spiele in Wattens oder im alten Tivoli austragen müssen. Wir würden das in Kauf nehmen, aber nicht wenn man dann auf 17.000 zurück baut. Da würden dann ich und der Verein Probleme bekommen."

Wie sehen sie die sportliche Situation in Österreich, zum Beispiel die Lage des Wiener Fußballs?

Kerscher: "Der Wiener Fußball ist für uns sehr wichtig, sonst gehen wir alle auf Krücken. Rapid fehlt die Führungspersönlichkeit, bei der Austria geht alles zu leicht mit dem Geld. Stronach könnte von Gernot Langes (Anm.: langjähriger Tirol-Mäzen) viel lernen, der hat auch viel Geld reingesteckt, hatte damit aber auch Erfolg."

Einige Vereine haben aufgerüstet, Tirol hat die Doppel-Belastung. Wird der Meistertitel heuer schwieriger zu erreichen sein?

Kerscher: "Nein, ich glaube es könnte sogar leichter werden. Ich glaube, Rapid fällt weg, die Austria ist noch nicht so weit, der GAK hat sich gegen uns und Sturm nicht gut präsentiert. In Wirklichkeit haben wir nur einen Gegner, und das ist Sturm." (APA)

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