Wer Kultur will, muss klettern können

22. August 2001, 01:13
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An Behinderte hat bei Planung und Bau niemand gedacht.

Zwei Monate nach der Eröffnung des Vorzeigekulturareals der Republik, des Museumsquartiers, werden dessen Schwächen offenbar: An Behinderte hat bei Planung und Bau niemand gedacht. Behindertenvertreter überlegen nun zu klagen.


Wien - Selbst Anleitungen, die Manfred Srb für "deppensicher" hält, wie jene zum Bau von Behindertentoiletten, wurden nicht umgesetzt. Das ist für den Sprecher vom Behindertenberatungszentrum "Bizeps" höchst ärgerlich: "Wozu besprechen wir denn alles im Vorhinein?" Sogar ein Merkblatt samt Detailskizzen (eben wie ein Behinderten-WC zu bauen sei) habe er der Bauleitung für das Museumsquartier übergeben. Festgehalten sind die Bemühungen von Manfred Srb in Aktenvermerken. "Ich hätte mich nicht darauf verlassen sollen, dass das umgesetzt wird", seufzt er jetzt, zwei Monate nach der Eröffnung des Zwei-Milliarden-Kulturbaus.

Seither ist Srb, selbst im Rollstuhl sitzend, dreimal zum Praxistest gerollt und hat das Museumsquartier auf seine Behindertentauglichkeit geprüft. Die Mängelliste ist mittlerweile drei DIN-A4-Seiten lang: Der Rollstuhlfahrer hat dargelegt, wo und wie er gescheitert ist, die Sehenswürdigkeiten im MQ zu erreichen. Parallel dazu hat auch Grünen-Behindertensprecherin Theresia Haidlmayr (ebenfalls Rollstuhlfahrerin) einen mehrseitigen Mängelbrief verfasst.

Die Behinderung Gehbehinderter, fanden beide Lobbyisten heraus, beginnt schon vor den Toren des Quartiers: in der Parkgarage. Und an zu hohen Gehsteigkanten. Für Blinde wiederum ist es umgekehrt: außerhalb des Museumsquartiers ein Leitsystem in Brailleschrift. Innen nicht.

Gedankenlosigkeit

Ähnlich wie bei anderen modernen öffentlichen Bauten (DER STANDARD berichtete immer wieder) führt vor allem Gedankenlosigkeit zu unnötigen Barrieren für Behinderte, ärgert sich Srb: "Dazu kommt noch Schlampigkeit."

Im gesamten Areal finden sich Stufen. Für nicht behinderte Besucher kein Problem. Für Rollstuhlfahrer Endstation auf dem Weg zur Kunst. Srb vermutet, dass beim Bau weder die Önorm 1600/1601 für behindertengerechte Bauweise noch die Wiener Bauordnung eingehalten wurden. Nicht einmal die Nachbesserungen sind zufrieden stellend: Beim Durchgang zur Breite Gasse wurde nachträglich über flache Stufen eine Holzrampe gelegt, die Steigung "dürfte mehr als zehn Prozent betragen", ist also nicht gesetzeskonform. Die Behindertentoilette in der Kunsthalle sei schlecht angeschrieben und - hinter einer "schwergängigen massiven" Tür verborgen - falsch montiert: zu hoch, zu eng. Zynisch kommentiert Srb das Behinderten-WC im Zoom Kindermuseum: "Die Benützung konnte erfolgreich verhindert werden." Außerdem: Ins Museum moderner Kunst kämen Rollstuhlfahrer durch eine Drehtüre. Nur: Die ist zu schmal. Der Bauprokurist des Museumsquartiers, Helmut Moser, verweist darauf, dass Behindertenvertreter des Magistrats in die Planung eingebunden gewesen seien. MQ-Verwalter Alexander Herberstein weiß um Baumängel: "Wir werden auch massiv damit konfrontiert." Für die Bauausführung sei ein Ingenieurbüro zuständig gewesen, aber "wo wir können - und es keine größeren Kosten verursacht - werden wir nachjustieren". Solche Worte will der "einschlägig erfahrene" Herr Srb nicht mehr glauben: Er droht mit einer Klage, wenn es "wieder nur schöne Worte sind". Weil: "Abschasseln lasse ich mich nicht mehr".


(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. August 2001)

Andrea Waldbrunner
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