Publikumsaufstand im Festspielhaus

22. August 2001, 01:02
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Die Ursache: Alfred Brendel in Salzburg

Salzburg - Falsch gehofft. Falsch befürchtet. Von keiner Revolte soll die Rede sein, sondern von einer Erhebung, wie man sie sich schöner und berechtigter nicht vorstellen kann. Nämlich von jener des Publikums vor Alfred Brendel am Ende des ersten der drei Konzerte, in denen er mit den Wiener Philharmonikern unter Simon Rattle heuer alle fünf Klavierkonzerte Beethovens von Stapel lässt.

Man kann diesem mit schlenkernden Armen etwas gebeugt über das Podium wankenden Alien eigentlich nicht genug huldigen.

Woher er kommt? Wo er wohl zu Hause ist? In London, heißt es. In Wirklichkeit wohl in weiteren Fernen. In denen er auch bleibt, wenn er da ist. Und das erste und das vierte der Beethoven-Konzerte - spielt?

Spielt, kann man eigentlich nicht sagen. Beethoven bricht aus ihm heraus. Brendel wird Beethoven. Und Beethoven wird Brendel. Da ersteht nichts, was 200 Jahre alt ist, da entsteht Gegenwart, Zukunft. Cecil Taylor könnte die Kadenzen nicht vitaler gestalten und nicht mit mehr Drive - allerdings nicht mit so viel Stilgefühl - mit den Philharmonikern swingen.

Zurück in die Zukunft?

Wie das alles bei Alfred Brendel zusammengeht, weiß kein Mensch. Vielleicht hat Beethoven seine Klavierkonzerte nach Brendels Diktat geschrieben. Und dies ist gar nicht so absurd, wie es klingt. Denn nach allerneuesten Erkenntnissen der Physik soll nicht die Gegenwart die Zukunft determinieren, sondern, ganz im Gegenteil, die Gegenwart ein Produkt der Zukunft sein.

Wer's nicht glauben will, dem liefern Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke den tönenden Beweis. Sie sind komprimierte Romantik wie die zu kleinen Metallklumpen gepressten Autos auf dem Schrottplatz. Altes Material chaotisch strukturiert. Als hätte Schönbergs folgendes Werk des Vagen, des Unfixierten bedurft, um es dodekaphonisch ordnen zu können.

Ganz klar, dass die Wiener Philharmoniker - daran konnte und wollte Simon Rattle klugerweise nichts ändern - im Romantikschrott mit wachem Spürsinn noch allfällig verwertbare Emotionen recycelten. Die grellen Kontraste in den meisterlich nachgemalten Klangfarben und die meisterliche Restaurierung der melodischen Rudimente haben die fünf Miniaturen bestens vertragen.

Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zur schmiegsamen Weise, auf die sie mit Simon Rattle im vierten Klavierkonzert agierten. Wie sie da Alfred Brendels Tönen am Schluss der Solis und Kadenzen manchen flauschigen Streicherteppich legten, auf denen diese ruhen und verklingen konnten, war des Exterrestriers am Klavier auf ereignishafte Weise ebenbürtig.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. August 2001)

Peter Vujica

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