Lipobay: Zeitung meldet rund 1100 Zwischenfälle

23. August 2001, 14:36
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Bayer kündigt Bericht an - Inzwischen trudeln die Klagen ein

Berlin/Leverkusen/Düsseldorf - Einem Zeitungsbericht zufolge sind bislang weltweit rund 1100 Zwischenfälle gemeldet worden, die mit dem Bayer-Medikament Lipobay/Baycol in Zusammenhang gebracht werden. Dies gehe aus einem Bericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hervor, berichtete das "Handelsblatt" am Donnerstag. Bayer habe diese Angaben des Instituts bestätigt, hieß es in dem Bericht weiter. Bei dem Bundesinstitut und bei dem Chemie-und Pharmakonzern war am Donnerstagmorgen zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

In dem Zeitungsbericht hieß es zudem, in Deutschland seien seit der Zulassung des Cholesterin senkenden Produktes Ende 1997 insgesamt 91 Fälle im Zusammenhang mit Muskelschwund in Verbindung mit dem Lipobay-Wirkstoff Cerivastatin registriert worden. Sieben dieser Patienten seien gestorben. Das Bundesinstitut halte bei drei dieser Todesfälle einen Zusammenhang mit Lipobay für möglich.

Bayer selbst hat bislang die Zahl von 52 Todesfällen im Zusammenhang mit Lipobay genannt, allerdings darauf verwiesen, dass sich diese Zahl noch erhöhen könne. Der Konzern hat allerdings wiederholt hervorgehoben, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Medikament nicht nachgewiesen sei.

Bericht angekündigt

Bayer will bis Ende September einen umfassenden Nutzen-Risiko-Bericht zu seinem Cholesterin-Senker Lipobay erstellen. Das Papier soll an die britische Gesundheitsbehörde MCA gehen, die bei der EU-weiten Zulassung des Medikamentes 1997 federführend war, sagte ein Bayer-Sprecher am Mittwoch. Gegen den Pharma-Konzern ist nach den USA nun auch in Spanien eine erste Klage im Zusammenhang mit dem vor zwei Wochen vom Markt genommenen Medikament eingereicht worden. Manche deutsche Mediziner bezweifeln unterdessen, dass Lipobay risikoreicher ist als andere potente Arzneien.

In den Bericht an die MCA sollen laut Bayer (Leverkusen) auch bisher nicht an die breite Öffentlichkeit gelangte Daten einer großen amerikanischen Untersuchung einfließen, die der MCA allerdings schon seit Mitte Juni vorliegen. Es handelt sich um eine Analyse aus den USA. Dort wurden Daten von 133.000 Patienten ausgewertet, die mit verschiedenen Lipidsenkern behandelt wurden.

Die schwere Nebenwirkung Muskelschwäche (Rhabomyolyse) unter Baycol, wie Lipobay in den USA hieß, sei in Kombination mit Gemfibrozil "deutlich höher" gewesen als in Kombinationen anderer Statine mit Gemfibrozil, sagte Bayer-Sprecher Michael Diehl. Genaue Zahlen wollte er unter Hinweis auf den noch zu schreibenden Bericht nicht nennen.

"Sturm im Wasserglas"

Nach Ansicht des Pharmakologen Prof. Jürgen Frölich von der Medizinischen Hochschule Hannover hätte der Bayer-Konzern den umstrittenen Cholesterin-Senker nicht vom Markt nehmen sollen. 52 mutmaßliche Tote im Zusammenhang mit Lipobay seien im Verhältnis zu den sechs Millionen Behandelten "sehr wenig", sagte Frölich. Die Aufregung um Lipobay sei "ein Sturm im Wasserglas".

"Ich glaube nicht, dass die Todesfälle eine substanzabhängige Nebenwirkung sind", meinte Prof. Ulrich Klotz von der Universität Stuttgart. Das Problem liege eher in der ungünstigen Wechselwirkung mit dem Wirkstoff Gemfibrozil, vor der die Ärzte gewarnt worden waren. Die in Berlin ansässige Stiftung Warentest hatte den CSE-Hemmern in der kürzlich erschienen Neuauflage ihres "Handbuch Medikamente" eine hohe Wirksamkeit bescheinigt. Sie würden die Häufigkeit von Herzinfarkten senken und die Lebenserwartung erhöhen.

Kläger gegen den Cholesterin-Senker Lipobay sind in Spanien laut einem Bericht der Tagezeitung "El Pais" die Angehörigen einer Frau aus dem nordspanischen Saragossa. Sie sei am 28. Juli in einem Krankenhaus an Nierenversagen gestorben. In Italien erwägt die Justiz Fernsehberichten zufolge eine Klage wegen Körperverletzung gegen den Bayer-Konzern. In Deutschland prüft die Kassenärztliche Bundesvereinigung, ob Entschädigungsklagen gegen Bayer möglich sind.

US-Verbraucherschützer nehmen nun auch andere Cholesterin-Senker ins Visier. Die Organisation "Public Citizen" in San Francisco warne vor den Nebenwirkungen verschiedener Konkurrenzprodukte, berichtete die "Welt" am Donnerstag.

Japan zieht nach

Die Entscheidung, das Medikament nun auch in Japan zurückzuziehen, sei im Interesse der Patienten-Sicherheit erfolgt. Die japanische Gesundheitsbehörde habe mitgeteilt, dass der Wirkstoff Gemfibrozil bald auch in Japan zugelassen werde. Insbesondere eine gleichzeitige Einnahme von Lipobay/Baycol mit Gemfibrozil könne in seltenen Fälle zu Muskelschwäche führen. Japan war zunächst vom weltweiten Rückzug des Cholesterinsenkers ausgenommen worden, da Gemfibrozil bislang dort nicht erhältlich ist.

Die weitere Gewinnbelastung ließ die Bayer-Aktie am Donnerstagvormittag auf Talfahrt gehen. (APA/dpa/Reuters)

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