Izetbegovic würde sich dem Haager Tribunal stellen

21. August 2001, 12:38
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Bosnische Serben wollen belastendes Material liefern

Sarajewo/Wien - Franjo Tudjman ist tot. Slobodan Milosevic sitzt seit Juni in den Niederlanden im Gefängnis des UNO-Kriegsverbrechertribunals. Der dritte Dayton-Protagonist, Alija Izetbegovic, hatte die politische Bühne freiwillig verlassen. Ihn, den Repräsentanten der "Opfernation", wollen die bosnischen Serben jetzt ebenfalls vor den Haager Sonderstrafgerichtshof für Ex-Jugoslawien bringen. Sie machen den 76-jährigen moslemischen Politiker für Kriegsverbrechen, insbesondere Folterung und Ermordung von Kriegsgefangenen, Angriffe auf Krankenhäuser und religiöse Stätten verantwortlich.

Ein Berater des bosnisch-serbischen Ministerpräsidenten Sinisa Djordjevic erklärte am Dienstag, dass die Behörden der Serbischen Republik dem Haager UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im September Beweise zustellen würden, die eine Anklage ermöglichen würden.

"Interne Angelegenheit"

Gegen Izetbegovic, den früheren Vorsitzenden des Staatspräsidiums von Bosnien-Herzegowina, war in den vergangenen Jahren bereits in Banja Luka ein Kriegsverbrecherprozess veranstaltet worden. Die ehemalige UNO-Chefanklägerin Louise Arbour hatte von einer "internen Angelegenheit" der bosnischen Serben gesprochen.

Izetbegovic erklärte sich auf Anfrage bereit, vor dem Haager Tribunal zu erscheinen, vor dem sich gegenwärtig drei ranghohe bosniakische Offiziere, die Generäle Enver Hadzihasanovic und Mehmed Alagic sowie Oberst Amir Kubura wegen der Ermordung von mindestens 200 kroatischen und serbischen Zivilisten und Kriegsgefangenen im Bosnienkrieg 1993 verantworten müssen. Die Veröffentlichung einer Namensliste von rund 700 angeblichen bosnischen Kriegsverbrechern mit Izetbegovic an der Spitze durch das bosnisch-serbische Wochenblatt "Glas srpski" hatte die OSZE zuletzt scharf verurteilt.

SS-Division "Handschar"

Belgrader Medien hatten dem Politiker vorgeworfen, im Zweiten Weltkrieg der 13. SS-Division "Handschar" (Krummdolch) angehört zu haben, die von den Deutschen im damaligen kroatischen Ustascha-Staat aufgestellt worden war, der auch das bosnische Territorium umfasste. Nach Angaben des ehemaligen jugoslawischen Oberst Lazar Markovic soll Izetbegovic als "Handschar"-Angehöriger in Knezina in Gefangenschaft geraten sein. 1943 hatten die deutschen Besatzungstruppen mit Hilfe des nach Deutschland geflüchteten Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin el Husseini, eine bosnisch-moslemische SS-Division aus über 12.000 Freiwilligen aufgestellt, die den Namen "Handschar" erhielt.

Geboren am 8. August 1925 in Bosanski Samac an der Save, entstammt der gläubige Moslem Izetbegovic der kleinen Intellektuellenschicht, die unter österreichisch-ungarischer Verwaltung (ab 1878) an den Universitäten der Donaumonarchie ausgebildet wurde. Sein Vater war Absolvent des Theresianums in Wien. Sowohl von der serbischen als auch von der kroatischen Propaganda als Fundamentalist und Anhänger eines islamischen Gottesstaates dargestellt, hatte er neun Jahre in Titos Gefängnissen verbracht. 1990 gründete er die Partei der Demokratischen Aktion (SDA) und gewann die ersten freien Wahlen, weil die moslemischen Bosniaken mit 44 Prozent Bevölkerungsanteil geschlossen für die SDA stimmten.

Mit seiner "Islamischen Deklaration" hatte Izetbegovic den Grundstein für die Rückbesinnung auf die moslemische Identität gelegt. Der Begriff "ethnischer Moslem" war im kommunistischen Jugoslawien erstmals anlässlich der Volkszählung 1961 eingeführt worden; in Titos Vielvölkerstaat wurde damit eine Konfession zur "Nation". Die Gründung der SDA hatte einen panislamistischen Hintergrund. Maßgebliche Proponenten waren Überlebende der in den dreissiger Jahren entstandenen Organisation "Junge Muslime", die nach 1945 unter dem kommunistischen Regime zerschlagen wurde. Ihr politisches Fernziel war ein moslemischer Balkanstaat. (APA)

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