Antisemitisch alkoholisiert

22. August 2001, 09:38
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Magister H. braucht keinen Anwalt. Er sieht ohnehin aus wie einer. Und an die Sache, die man ihm vorwirft, kann er sich nicht erinnern, egal ob mit oder ohne Verteidiger.

H. hat Philosophie, Musikwissenschaft und Publizistik studiert. Der Richter nickt anerkennend. Mit einem Job will es momentan leider nicht klappen. Aber das wird schon wieder. H. ist erst 47. Die Zeit überbrückt er mit Umbauten an einem Haus. Auch das lastet aus.

Privat dürfte es zuletzt Schwierigkeiten gegeben haben. Seine "Bekannte", wie er sie nennt, hatte ihn wegen einer Streitigkeit nicht in die Wiener Wohnung gelassen. "Von wem war das die Wohnung?", fragt der Richter. "Es war ihre", erwidert der Magister. (Er hat eine angenehme Stimme und eine schöne Aussprache.) Die Sache mit der verschlossenen Tür war am Abend des 7. Juni. Anschließend trank er ein paar Bier und einige Gläser Wein.

Der Richter fragt: "Haben Sie politisch irgendwel-che. . ." - "Überhaupt nicht", unterbricht der Herr Magister. "Ich bin weder links noch rechts." (Und wahrscheinlich nicht einmal in der Mitte.) "Und was war dann in dem Lokal?" - "Es tut mir fürchterlich leid", sagt der Herr Magister. "Aber ich kann mich an nichts mehr erinnern?" Was tut ihm leid? Was im Lokal war? Oder dass er sich nicht mehr daran erinnern kann? - "Beides", sagt er. Stimmt aber nicht. Wenn er sich wirklich nicht erinnern kann, dann ist er froh darüber.

Der Kellner hat ihn beobachtet. Er stand mit seinem Bier am Pult und murmelte vor sich hin. Das Murmeln wurde lauter, immer lauter. Und dann hörten es die Gäste: "Ihr Saujuden." "Ihr Scheiß Judenfreunde." "Da wurden ein paar vergessen, die man vergasen hätte sollen." "Die Judenfriedhöfe gehören. . ." - "Ich war volltrunken, ich kann mich an nichts mehr erinnern", sagt der Magister.

"Ist das normal ihr Wortschatz?", fragt der Richter. "Nein, überhaupt nicht", jammert der Angeklagte. "Aber von irgendwo muss es ja herkommen", sagt der Staatsanwalt. Magister H. nickt verlegen. Der Prozess wegen Verhetzung wird vertagt. Ein psychiatrischer Gutachter soll nun den Grad der Trunkenheit feststellen. Der Grad des Antisemitismus kann nicht überprüft werden. Der steckt tiefer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.8.2001)

Von Daniel Glattauer
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