Kommentar: Paradies für Veteranen

20. August 2001, 22:03
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Mortiers Programme hatten mit der Gegenwart so wenig zu tun wie jene Karajans

Jetzt reden also alle von einer Operettenproduktion, die eigentlich nicht der Rede wert ist. Insofern ist die Rechnung des mit Saisonschluss, zehn Jahre zu spät, aus seinem Amt scheidenden Salzburger Festspielintendanten wieder einmal voll aufgegangen. Wie alle seine vorherigen auch.

Es waren nämlich vor allem jene Dinge, die eigentlich nicht der Rede wert sind, die ihn allsommerlich in die Charts der Medien brachten. Mit respektablem Geschick verstand er es, Kunst in den Dienst seines persönlichen Ehrgeizes zu stellen, sie mit kaltem Kalkül zu instrumentalisieren oder gar - wie letzten Samstag - zu beschädigen.

In der selbstverständlichen Virtuosität, die er dabei entwickelte, erinnert er sehr stark an Herbert von Karajan, zu dessen Antipoden in der Salzburger Festspieldramaturgie man Gerard Mortier bei seiner messianisch ersehnten Einkehr am Gestade der Salzach ausgerufen hat.

Revitalisierung war nötig - das bestreitet niemand

Dass eine Revitalisierung der Festspiele nötig war, wird niemand bestreiten. Obwohl oder gerade weil sie so glanzvoll waren. Es glänzte die durch höchstes musikalisches Niveau sakrosankte pastose Ästhetik Herbert von Karajans ebenso wie der absolute ökonomische Krisenfestigkeit signalisierende Panzer der angehäuften Reservemillionen.

So waren die Salzburger Festspiele zu Beginn der 90er-Jahre das anachronistische Symbol der politisch und ökonomisch längst schon verwelkten deutschen Wirtschaft. Das bombastische ästhetische Outfit der Festspiele hinkte schon längst schwerfällig hinter einer veränderten Gegenwart her.

Da hätte es für einen geistigen Terminator in Salzburg fürwahr eine Menge zu tun gegeben. Zieht man nach Mortiers zehnjähriger Tätigkeit nun die Bilanz, so lässt sich allerdings im besten Fall nur sagen, dass er den Abstand, mit dem die Festspiele der aktuellen geistigen und politische Realität nachschleichen, um bestenfalls zwanzig Jahre verkürzt hat.

Humorlose Lustfeindlichkeit statt prachtverliebtem Hedonismus

Anstelle des prachtverliebten wirtschaftswunderlichen Hedonismus setzte Mortier die humorlose debattierwütige Lustfeindlichkeit der 68er. Gefühl, Humor, Charme, Harmonie gerieten in Argumentationsnotstand und hatten einer an Pascal gemahnenden Nüchternheit zu weichen. In dieser wurden bestenfalls ein paar ehrenvoll ergraute, gesellschaftlich schon lange lukrativ etablierte Altrevoluzzer zu ebenso nostalgischem Schwelgen stimuliert wie unter Karajan die Veteranen des Wirtschaftswunders.

Klinisch saubere Festspiele...

Von den Denkmodellen der Gegenwart, die, ausgehend von Quanten- und Fraktaltheorie, zur wortklauberisch kasuistischen Begründungssucht, wie sie seit zehn Jahren die Programme in Salzburg prägte, im krassen Gegensatz stehen und auf geräumige Zusammenhänge verweisen, hat Mortier die Festspiele klinisch sauber gehalten. Geschweige denn, dass er versucht hätte, das hohe Kunstpotenzial dieser faszinierenden neuen Ideen für auch nur eines seiner Programme zu lukrieren.

...von ein paar stromlinienförmigen Anti-Haider-Reflexen abgesehen

Ebenso wie die österreichische Gegenwart mit ihren neu entstandenen und weiter entstehenden sozialen und gesellschaftspolitischen Problemen, sieht man von ein paar stromlinienförmigen Anti-Haider-Reflexen ab, wie zu Karajans Zeiten völlig unberücksichtigt blieb.

Dafür gibt es Kniefälle vor dem Großkapital, zu denen sich ein Karajan nie bereit gefunden hätte. Der amerikanische Mäzen Alberto Vilar ist allgegenwärtig. Keine Broschüre ohne sein Foto nebst beinahe biedermeierlich kniefällig formulierter Danksagung des Direktoriums. In abgetrennten Bereichen der Pausenfoyers huldigt man der Geldprominenz und diese sich selbst. Nestlé, Audi und Siemens wünschen zu Beginn der Vorstellungen von der Rampe herunter einen schönen Abend.

Diese devote Hingabebereitschaft, mit der ein angeblich revolutionär sein wollendes Festival seinen Förderern huldigt, ist immerhin der einzige Bereich, in dem Salzburg tatsächlich den Anschluss an die Gegenwart fand.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2001)

von
Peter Vujica
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