Uni-Reform: Wissenschaftliche Wunderheiler - Von Kurt Grünewald

20. August 2001, 20:23
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Scheitert die Universität wirklich an ihrer Demokratie - oder ist nicht vielmehr das Modell eines Senats, über den ein politisch bestimmter Universitätsrat wacht, bedenklich?

Es ist mehr als ein Krieg der Worte, der nun um die Reform der Universitäten entbrannt ist. Die Sprache ist verräterisch und offenbart einiges darüber, was sich manche von Universitäten erwarten, welche Aufgaben und Ziele sie ihnen zumessen und darüber, was ihrer Ansicht nach an Universitäten besser unterbleiben sollte.

Mit der Behauptung, Demokratie habe in der Wissenschaft nichts verloren, werden zu aller Kritik über das angebliche Scheitern der Universität auch gleich hanebüchene Beweise, die allerdings mit wissenschaftlicher Redlichkeit wenig zu tun haben, mitgeliefert. Salopp suggeriert man ungläubig Staunenden, dass an unseren "Hohen Schulen" täglich Sekretäre, beamtete Gärtner, Studenten und Assistenten unfehlbare Professoren und Professorinnen überstimmen und selbstherrlich über Ausgang und Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Experimente entscheiden.

Ungestraft spricht eine Wissenschaftsjournalistin von "Drittelparitäten" und unterschlägt, dass bislang mit einer Ausnahme in allen entscheidungsbefugten Gremien der Universitäten fünfzig Prozent Professoren und Professorinnen gerade fünfundzwanzig Prozent Assistenten und Studierenden gegenübersitzen, verziert durch eine handvoll nicht wissenschaftlichen Personals. Weit weniger als zehn Prozent aller Universitätsangehörigen sind in die Entscheidungsprozesse der autonomen Selbstverwaltung einbezogen, und schon leuchtet das Menetekel der Basisdemokratie als anarchische Horrorvision aus schreckgeweiteten Augen.

Niemand Vernunftbegabter wird unsere Universitäten als optimal und unverbesserbar bezeichnen. Als Ort der ständigen Auseinandersetzung soll und muss die Universität als eine der großen Ideenwerkstätten der Gesellschaft sich selbst kritisch reflektieren. Diese Reflexion setzt aber klare Mängel- und Stärkeanalysen voraus. Urteile erfordern nicht nur in der Justiz, sondern auch in der Wissenschaft Beweise, und gerade hier zeigen die Regierung und manche ihrer so selbstsicheren Kronzeugen doch eklatante Schwächen.

Kaschierte Mängel

Man mag zur Auffassung kommen, dass Strukturen der Meinungs- und Entscheidungsfindung wie auch Verantwortlichkeiten effizienter, prägnanter und flexibler zu ordnen wären. Staatliches Versagen und Konzeptlosigkeit wie innerbetriebliche Führungsschwächen aber so zu kaschieren, dass nicht die Knappheit der Mittel, nicht mangelnde Aufsicht, mäßige Zieldefinitionen und suboptimale Personalausstattung, sondern einzig und allein eine "pervertierte, unzeitgemäße Demokratie" uns hindert, "Weltklasse" zu sein, spricht nicht für eine seriöse Debatte.

Das kalte Zur-Schau-Stellen und Ausspielen politischer Macht scheint ein Faszinosum zu sein, in dessen Windschatten Polemik, Aggression und Vorurteile gedeihen. Wie anders lässt sich sonst die Wortwahl des stellvertretenden Vorsitzenden des Forschungs-und Technologierates erklären, der behauptet, "die Mittelbauangehörigen glauben, dass sie Professoren sind. Diese Unordnung muss aus dem Weg geräumt werden"? "Entscheiden statt Palavern", "Debattierklubs", "Kommissionitis" zählen noch zu den harmloseren Umschreibungen ungeliebter demokratischer Strukturen.

Dass sich die Universitäten gerade in den Jahren seit der Einführung der Mitbestimmung 1975 ständig weiterentwickelt und ihre wissenschaftlichen Leistungen bedeutend gesteigert haben, wird, weil es die modische Argumentation schwächt, geflissentlich verschwiegen. Stattdessen erschallt der Ruf nach weisungsgebundener Forschung, nach Zucht und Ordnung, straffen Hierarchien und einzelne starke Männer (Frauen sind hier wohl weniger gefragt) sollen auf ihren Schultern alle Verantwortung tragen und sich demokratischer Bürden entledigen.

"Demokratie heißt ja nicht, über jede Kleinigkeit abzustimmen", spricht Frau Bundesminister. Der Senat erstellt die Grundverfassung der Universität, beileibe keine Kleinigkeit. Dass in diesem Senat drei Viertel aller Akademiker nur mehr bis zu einem Vierundzwanzigstel repräsentiert sein werden, verwundert dann nicht, wenn man weiß, mit welcher Genugtuung das die zukünftigen starken Männer erfüllt und um wie viel besser sie dann schlafen werden. Dass daran die Universitäten genesen, dazu bedarf es allerdings eines tiefen Wunderglaubens.

Sind Wunder aber ein alltägliches und berechenbares Ereignis in der Wissenschaft? Doppelte Legitimation nennt man nun die Reduktion universitärer Autonomie bei der Wahl des Rektors. Der Senat darf zwar Vorschläge über geeignete Kandidaten erstellen, gewählt und legitimiert wird aber vom Universitätsrat, der nicht zuletzt auch vom Minister beschickt wird. Über welche doppelte Legitimation verfügt die Bundesregierung, die ich nicht vorgeschlagen, geschweige denn gewählt habe?

Kein Zukunftsmodell

Wissenschaft ist keine alleinige Sache der Demokratie. Kann schon sein. Organisation, Strukturen und Vermittlung von Wissenschaft besitzen aber Modellcharakter für eine zunehmend wissensorientierte Gesellschaft. Einzelkämpfertum, Geheimniskrämerei, Befehlsstrukturen, Weisungen und Ausschluss der Mehrheit an Partizipation und Mitgestaltung sind höchst zweifelhafte und wenig zukunftsweisende Modelle der Entwicklung von Kreativität, Motivation und Identifikation mit dem System.

Betriebsähnliche Strukturen sind nicht prinzipiell abzulehnen und in bestimmten Aufgabenbereichen der Universitäten sicher von Vorteil. Burgherren und wissenschaftliche Leibeigene sind dazu aber nicht notwendig. Auch dann nicht, wenn dadurch möglicherweise manches effizienter und für die Mächtigen bequemer wird.

*Der Autor ist Wissenschaftssprecher der Grünen und ao. Univ.-Prof. an der Universitätsklinik Innsbruck (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. August 2001)

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