Zwischen Traum und Wirklichkeit

20. August 2001, 19:52
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Ein Bericht über Aufstieg, Fall und die Zukunft des digitalen Geschäftslebens

Die Erwartungen, die die Wirtschaft in das neue Geschäftsfeld Internet gesetzt hatte, waren viel zu hoch. So mancher Anleger denkt heute noch mit Wehmut an die Dotcom-Euphorie zurück, als kleine Internetunternehmen wie Pilze aus dem Boden schossen und die Aktienkurse jeden Tag neue Höchstwerte erreichten. Die kometenhaft aufgestiegenen Unternehmen wurden bald um ein Vielfaches ihres eigentlichen Wertes gehandelt, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Seifenblase platzte und der neue Markt auf den alten harten Boden der Wirklichkeit zurückstürzte.

Aber das bedeutet nicht, dass das elektronische Geschäftsleben insgesamt gestorben ist. "Vergesst den Goldrausch, aber sucht weiter nach Gold", empfiehlt Alexander Drobik, Vizepräsident des Marktforschungsinstituts Gartner Research, in einer Studie über die Entwicklung des E-Business. Nach dem "E-Hype" im Jahr 1999, als die Dotcom-Hysterie ihren Höhepunkt erreicht hatte, wachten die Investoren aus ihrer Traumwelt auf, die Kurse sanken ins Bodenlose, und zahlreiche noch wenige Tage zuvor hoch gepriesene Firmen verschwanden von der Bildfläche oder wurden von anderen, länger am Markt etablierten Unternehmen geschluckt.

Bis zum Jahr 2003, so schätzt Mark Raskino, Research Director bei der Gartner Group, im Gespräch mit dem STANDARD, wird die Phase der Desillusionierung überwunden sein, und aus den Trümmern des Dotcom-Fiaskos wird sich das "wahre" E-Business erheben. Die Erwartungskurve wird freilich nie wieder so steil ansteigen wie Ende der Neunziger, doch wird das E-Business wie jeder andere Wirtschaftszweig seine Erträge dort abwerfen, wo entsprechend hart gearbeitet wird. Und wo man die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkennt. In den USA, dem Fernen Osten und Europa haben sich in den letzten Jahren drei unterschiedliche Onlinekulturen entwickelt. Aus den USA stammt das Internet als solches, die meisten Innovationen im Bereich E-Business sind amerikanischer Herkunft, und auch der Trend zu "flat rates" - fixen, vom tatsächlich übertragenen Datenvolumen unabhängigen Gebühren für den Internetzugang - kam von der anderen Seite des Atlantiks.

Im Fernen Osten wiederum erfreuen sich kleine elektronische "Spielereien" wachsender Beliebtheit, Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik wuchsen in Asien zuerst und am stärksten zusammen, was wiederum zu einem Boom des mobilen Informations- und Kommunikationsgeschäftes führte.

In Europa scheint sich alles etwas ruhiger zu bewegen, hier lokalisieren die Gartner-Analysten eine robuste wirtschaftliche Basis und gut ausgebaute, stabile Infrastrukturen - sowohl Kabel und Fernsehen wie auch das klassische Internet und die Mobiltelefonie betreffend.

Und diese drei Kulturen wachsen jetzt zusammen.

Raskino erwartet im mobilen E-Business, kurz M-Commerce, einen ähnlichen Verlauf wie bei den Dotcoms, wobei der Höhepunkt der Erwartungen seiner Ansicht nach noch im laufenden Jahr überschritten und der Ernüchterung weichen wird. Mit I-Appliances - kleinen Geräten, die ausschließlich dem Internet-zugang dienen: Technologien wie Bluetooth, WAP und UMTS -werden beim Konsumenten Erwartungen geschürt, die in sich in der Realität nicht erfüllen. Das Interesse am M-Commerce wird demnach rasch wieder nachlassen, um sich nach Erreichen des Tiefstpunktes wieder zu normalisieren.

Die wahre Bestimmung des Internets im Geschäftsleben liegt nach Ansicht der Marktforscher in der "Befreiung" von Prozessen, Businessmodellen und Partnerschaften. In etwa fünf Jahren, so prophezeit Gartner, wird das heutige E-Business durch "Net-Liberated Organisation" abgelöst.

Die Befreiung der Geschäftsprozesse durch das Internet wird sich vor allem in der Geschwindigkeit auswirken, mit der eine neue Idee entwickelt, umgesetzt und anschließend auf den Markt gebracht wird. Es wird, so die Studie, immer deutlicher, dass Unternehmen genauso stark von ihren immateriellen Vermögenswerten - speziell vom Wissen - abhängen wie von Maschinen oder Börsenkursen.

Das Internet ist aber nicht nur imstande, Wissen schnell zu transportieren, es erlaubt auch die Schaffung völlig neuer Geschäftsmodelle. Vor allem die Unabhängigkeit von Vermittlern und die Massenpersonalisierung üben nach Ansicht der Marktforscher den "wahrscheinlich größten Einfluss" auf die Wirtschaft aus. Moderne Kommunikationswege ermöglichen es den Unternehmen, Waren und Dienstleistungen direkt anzubieten, statt Distributoren und Händler in den Warenfluss einzubeziehen.

In der NLO-Philosophie wird auch ein neuer Typ von Geschäftsbeziehungen florieren, den Gartner als "Partner-Sourcing" bezeichnet und der sich auf die Wertschöpfung und Generierung von Wettbewerbsvorteilen für alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette konzentriert. Ganz im Gegensatz zu herkömmlichen Joint Ventures stellt Partner-Sourcing einen flüssigen und dynamischen Prozess dar, der dank der modernen Informationstechnologie und deren Verknüpfungsmöglichkeiten projektbezogene Geschäftsbeziehungen innerhalb von nur wenigen Tagen aufbauen und auch genau so schnell wieder auflösen kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2001)

von Uwe Fischer-Wickenburg
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