Hochöfen der Barbarei

20. August 2001, 21:55
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Zuidelijk Toneel zeigt Theater nach Visconti in Hallein

von STANDARD-Mitarbeiter Lothar Lohs

Salzburg - Als die Nationalsozialisten unter ihrem Gröfaz sich daranmachten, die Welt in Schutt und Asche zu legen, fanden sie bekanntlich willige Helfer - auch solche in Maßanzügen: die "Manager der Nazis". Es war der Sündenfall der deutschen Großwirtschaft, die sich wohlkalkuliert in Hitlers militärisch-industriellen Komplex einordnete. All jene scheinbar mit der Muttermilch der Kultur von Bach über Goethe bis Brahms gesäugten Industriekapitäne, Stahlbarone und Bankmagnaten ließen sich, geblendet von der Aussicht auf unermessliche Profite und Expansionschancen, vor den Karren des Faschismus spannen.

Theatertruppe Zuidelijk Toneel Hollandia gastiert zum ersten Mal in Salzburg

Dieser Teufelspakt samt dem dahinter steckenden moralischen Desaster steht im Zentrum von Der Fall der Götter, mit dem die renommierte Theatertruppe Zuidelijk Toneel Hollandia zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen gastiert: ab heute auf der Perner-Insel, 19 Uhr. Ein Stück, das anhand des gnadenlosen Machtkampfes an der Spitze eines deutschen Stahlkonzerns zur Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus die "Moral der Macht" verhandelt, "die es nicht gibt", sagt Johan Simons, zusammen mit Paul Koek der Regisseur der Produktion.

Produktion basiert auf dem Drehbuch des Films "Die Verdammten" (1969)

Die Erfolgsgeschichte einer der schillerndsten experimentellen Theatertruppen der Niederlande begann 1985 als Fusion zweier Ensembles, die sich beide bemühten, Nordholland theatralisch wach zu küssen. Von Anfang an hat Hollandia dabei die Tempel der Hochkultur gemieden und die Nähe des Publikums gesucht, an Spielorten des Lebens wie Stadien, Fabriken, Autofriedhöfen. Diese Produktion nun basiert auf dem Drehbuch des Films La Caduta degli dei (1969) von Luchino Visconti, bei uns bekannt als Die Verdammten.

Viscontis spektakulärer Streifen beleuchtet schonungslos die verhängnisvolle Rolle, welche die Krupp-Dynastie vor dem Zweiten Weltkrieg spielte. Wenn nun eine gesellschaftspolitisch hellwache Truppe wie Hollandia die Geschichte aufgreift, dann, so bestätigt Simons, kann man das nur vor der Folie des Aufstiegs der (extremen) Rechtsparteien in Europa lesen.

Was passiert, wenn man sich mit so einer Partei einlässt

Das Interesse der Gruppe besteht denn auch erklärtermaßen darin, dieses Phänomen der Verstrickung zu untersuchen, was passiert, wenn man sich mit so einer Partei einlässt und sie "gesellschaftsfähig" macht. Wie im Film heißen die Krupps auch im Stück von Essenbeck, und deren ehrgeiziger Direktor Bruckmann ist vergleichbar mit Macbeth, verpflanzt in die Glaspaläste der Industrie.

Die Inszenierung läuft seit 1999 mit großem Erfolg in Holland, und beim ersten deutschen Gastspiel anlässlich der Weltaustellung 2000 im Staatstheater Braunschweig jubelte man über eine "episch angelegte Bilderschwärmerei".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2001)

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