Der Sound des Mythos

21. August 2001, 11:40
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Das "Limmitationes"-Festival brachte Gato Barbieri nach Österreich

von STANDARD-Mitarbeiter Andreas Felber


Wien - Es ist ein bekanntes Phänomen, dass oft erst in der Fremde die eigene Sozialisation und kulturelle Prägung als solche wahrgenommen wird. Nicht selten entdeckt man plötzlich in den eigenen "Roots" jenes Maß an Authentizität, an identitätskonstituierender emotionaler Unmittelbarkeit, nach der die postmoderne Informationsgesellschaft dürstet.

Insbesondere in Lateinamerika ist jener Prozess der Selbstfindung über Umwege beinahe zur Regel geworden: Astor Piazzolla bedurfte der Anregung Nadia Boulangers, um zum Erneuerer des Tangos aufzusteigen; Egberto Gismonti erkannte erst in Paris die Bedeutung der musikalischen Ressourcen seiner brasilianischen Heimat; aus jüngerer Zeit ist der "Fall" Marisa Montes bekannt.

Auch Gato Barbieri reiht sich hier ein. Anfang der 60er-Jahre, als ihm in Buenos Aires schon bald die Herausforderungen abhanden gekommen waren, kam der Saxophonist nach Europa. Über Don Cherry fand er Anschluss an die New Yorker Free-Jazz-Avantgarde, deren abstrakte Materialexplorationen auch sein Debüt In Search of the Mystery (1967) prägten.

So richtig wohl gefühlt hat sich Barbieri dabei wohl nicht. Und so kam es, dass er sich der Musik besann, die er in der 50er-Jahren in Buenos Aires praktiziert hatte: "1951 spielten die Orchester in den Kaffeehäusern nur Jazz. Peron ordnete an, dass 50 Prozent des Repertoires eigene Musik zu sein hatten. Wir spielten also Tangos, Boleros etc. Seither weiß ich, man kann immer auch von negativen Dingen lernen", erzählt Barbieri.

Barbieri, damals immerhin schon 35, führte auf The Third World (1969) erstmals die freie, kraftvolle Hymnik seines Tenors in stimulierender Reibung mit den Rhythmen und Melodien Lateinamerikas zusammen. Mit rauem, aber kantabel singendem Ton erhob sich seine eigene Stimme aus dem uniformen Chor der Post-Coltranisten.

Der letzte Tango

Die berühmte LP-Tetralogie, mit der er sich mit dem hispanischen und indianischen Erbe Lateinamerikas beschäftigte, festigten seinen Ruf, die Musik zum Bernardo-Bertolucci-Film Der letzte Tango in Paris (1972) hob Barbieris Reputation in die Sphären eines Kultstars. "Plötzlich hatte ich Geld", beschreibt er heute die Folgen dieses Coups. "Die Musik ist so schön, dass ich mir manchmal gar nicht vorstellen kann, dass sie von mir stammt. Natürlich leistete Oliver Nelson, der Arrangeur, auch tolle Arbeit." Vom damals begründeten Mythos zehrt Barbieri noch heute. Nachdem Ende der 80er-Jahre eine Zeit der persönlichen Krisen eine zehnjährige Schaffenspause bedingte, feierte er 1997 ein eher leises Comeback. Udo Preis, Veranstalter der südburgenländischen Limmitationes-Konzerte, machte das scheinbar Unmöglich möglich und holte den mittlerweile 66-Jährigen wieder nach Österreich.

Die Rückschau

Ließ die Pressekonferenz im Wiener Intercontinental, in deren Rahmen Barbieri den Eindruck eines gealterten, vergesslich gewordenen Mannes erweckte, Schlimmes befürchten, so bewies er am Samstagabend im eigens errichteten Musikzelt in Rudersdorf, dass noch immer Leben in ihm ist. Wohl ließ sich Barbieri auf seinem 90-minütigen Nostalgietrip durch die eigene Vergangenheit - Milonga Triste durfte ebenso wenig fehlen wie Bolivia - vom besteingespielten Begleitquartett wie auf Schienen leiten.

Wohl erinnerten seine Improvisationen oft an simple Smooth-Jazz-Variationen der Themenmelodien. Und doch konnte man im nach wie vor glühenden, machtvollen Ton zumindest einen schwachen Widerschein jenes Gato Barbieri erleben, der zu historischen Figur geworden ist. Der Mythos lebt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2001)

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