Kultur und Tradition hinterlassen Spuren im Erbgut

20. August 2001, 10:53
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These stützt sich auf die genetische Analyse mehrerer Volksstämme

New York/Leipzig - Kultur, Tradition und Gewohnheit hinterlassen Spuren im Erbgut des Menschen. So hängen zum Beispiel Unterschiede in den Erbanlagen von Menschen aus dem bergigen Norden Thailands davon ab, ob der Mann nach der Hochzeit ins Dorf seiner Frau zieht oder die Frau ihrerseits dem Bräutigam in seine Heimat folgt. Diesen Schluss ziehen Wissenschafter des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Genetik in Leipzig, die ihre These auf die genetische Analyse mehrerer Volksstämme stützen, deren Ergebnisse am Sonntag vorab vom US-Wissenschaftsmagazin "Nature Genetics" (Referenznummer: 10.1038/ng711) veröffentlicht wurden. Damit liefern die Wissenschafter einen neuen Beitrag zum alten Streit über das Verhältnis zwischen Umwelt und Erbgut.

Mini-Kraftwerke

Die Gruppe um den Max-Planck-Forscher Prof. Mark Stoneking machte sich dafür einige seit langer Zeit bekannte genetische Unterschiede zwischen Mann und Frau zu Nutze, die sich mit Hilfe des genetischen Fingerabdrucks feststellen lassen. Dadurch werden anderenfalls unsichtbare Verwandtschaftsverhältnisse deutlich. Einige Erbanlagen werden nur von der Mutter an ihre Nachkommen, andere nur vom Vater zum Sohn weitergegeben. Söhne erhalten vom Vater das Y-Chromosom. Frauen haben kein Y-Chromosom. Die Mutter hingegen gibt an Töchter wie Söhne gleichermaßen die so genannten Mitochondrien weiter, mit denen die Zellen ihre Energie gewinnen. Diese "Mini-Kraftwerke" tragen ein eigenes Erbgut, das in der Folge bei allen Menschen immer nur von der Mutter stammt.

Wanderung der Geschlechter

Die Wissenschafter nahmen Blutproben von Menschen aus solchen Dörfern, bei denen der Mann zur Frau zieht. Andere Proben stammten von weiter entfernten Gemeinschaften, bei denen die Wanderung der Geschlechter seit Generationen genau umgekehrt ist. Bei der Laboranalyse spiegelten die Erbanlagen die jeweiligen Lebensgewohnheiten der Regionen tatsächlich wider. Blieben die Männer über viele Jahre hinweg an Ort und Stelle, unterschieden sich ihre Erbanlagen relativ wenig von einander.

Die Ursache: Es gibt nur wenig Männer, die neue Y-Chromosomen in die Region trugen, um diese männliche Erbsubstanz "aufzufrischen". Genau umgekehrt ist es in Gesellschaften, bei denen die Frauen ortstreu bleiben und ihre Männer zu sich holen. Warum bei einigen Stämmen die Frauen, bei anderen aber die Männer wegziehen, haben die Genetiker nicht untersucht.

Wenn die Männer nicht umziehen, werden ihre Y-Chromosomen von denen anderer Gruppen förmlich isoliert, heißt es in "Nature Genetics" mit Blick auf die Evolutionsgeschichte. Ähnliches habe sich im Tierreich auf den vom Meer voneinander getrennten Galapagosinseln ereignet. Dort entwickelten sich aus wenigen Vorfahren eine große Zahl unterschiedlicher, von Charles Darwin beschriebener Finkenarten, weil es zwischen den einzelnen Inseln kaum einen Austausch gibt. (APA)

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