Viele Bedenken, wenig Forschung

20. August 2001, 13:22
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Bioethik-Gesprächsrunde mit Peter Sloterdijk (Bild) in Alpbach: Im Wesentlichen nichts Neues

Alpbach - Wo immer heutzutage Geistesmenschen professionell zugange sind, darf das Thema "Bioethik" nicht fehlen. Also hat auch Erhard Busek, der Präsident des Europäischen College, zum Start des Europäischen Forums in Alpbach eine "informelle" Runde zum Gespräch über die Chancen und Risiken der Biomedizin zusammengerufen. Als spiritus rector der Gruppe sollte Alpbach-Eröffnungsredner Peter Sloterdijk amtswalten.

Das Gespräch begann allerdings nicht ganz planmäßig: Herr Sloterdijk, der über die Anwesenheit von Journalisten bei der Diskussionsrunde informiert worden war, schwebte ein, murmelte im raunenden Ton, dass ja hier, Gott bewahre, "lauter Journalisten herumsitzen", und verlangte ultimativ deren Entfernung.

Diese kleine, scherzhafte Begebenheit ist deshalb berichtenswert, weil sie zeigt, dass mangelnde Transparenz in der biopolitischen Debatte nicht auf Forscher begrenzt ist, die in ihren Publikationen auf die Erwähnung all der Cretins und Todesopfer vergessen, die der erfolgreichen Herstellung von Klonwesen vorausgegangen sind. Auch unter den Bioethikern gibt es die Geheimniskrämer, die Meister des Raunens, die wahrscheinlich bei dem Gedanken, dass die anderen denken, sie dächten über den Übermenschen nach, eine Erektion nur ganz schwer verhindern können.

Hier zeigt sich, dass Sloterdijk, durch seine Regeln für den Menschenpark einer der frühen Hauptdarsteller im Biodrama, einer der präzisesten Diagnostiker des zeitgenössischen Medienwesens und zugleich einer der größten lebenden Medienparanoiker ist. Obwohl oder weil er weiß, dass die moderne Massenkommunikation den Charakter einer "systematischen Veranstaltung zur Provokation und Kontrolle von Gruppenstress und Appetit-Paniken" hat?

Panik-Induktionen

Wenn es stimmt, was Slotedijk sagt, dass nämlich "die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert" als "ein ständiges Experimentieren mit der richtigen Stärke der Panik-Induktion" zu lesen ist, sollte er sich eigentlich über die eigene Rolle in diesem Spiel keine Illusion machen. Er ist aber gewiss nicht der einzige Aufklärer, der über sich selbst nicht so wahnsinnig gern aufgeklärt werden will.

Wie die - den Sloterdijkschen Privatoffenbarungen wie eine Art "stille Biopost" folgenden - Gespräche mit den übrigen Teilnehmern zeigten, hätte man kaum etwas zu verbergen gehabt. Wirklich Neues gibt es in der Debatte rund um Reproduktionsmedizin, Embryonenforschung und Klonen seit langem nicht. Es zeigt sich aber, dass es hilf-und aufschlussreich sein kann, sich ein paar alte Fragen neu zu stellen. Zum Beispiel die, was man denn angesichts der unüberblickbar gewordenen Ethikkommissionen überhaupt unter einem "Ethiker" zu verstehen hätte. "Ein Theologe ohne Religion" sei das, meinte in Alpbach Adolf Holl.

Der evangelische Theologe - und Ethiker - Ulrich Körtner plädierte dafür, in diesem Thema erstens überhaupt alles - außer der Ratifizierung der Bioethikkommission des Europarates - eher langsam anzugehen. Ihm wär' auch recht, erst "nach den Wahlen" Entscheidungen zu treffen.

Das ist erstens schwer - in der Demokratie steht man ja gewissermaßen immer "vor Wahlen" - und zweitens interessant: Ethiker fordern gern "öffentliche" Debatten, allerdings ohne Beteiligung jener Öffentlichkeit, die über den Leserkreis ihrer Publikationen hinausgeht.

Die beiden wichtigsten Hinweise lieferten erwartungsgemäß die Praktiker: Der renommierte Immundermatologe Georg Stingl forderte eindringlich, dass endlich auch in Österreich Stammzellenforschung (zunächst an adulten Zellen) nennenswerten Ausmaßes begonnen wird. Erst dann stelle sich die Frage rechtlicher Rahmenbedingungen, bis dahin handle es sich um virtuelle Diskussionen. In der Tat wäre es nicht schlecht, wenn wir in der Forschung annähernd so weit wären wie beim Bedenkentragen. Kann ja nicht schaden, wenn man weiß, wogegen man ist.

Gegen Heilspropheten

Ein wichtiger Einwand gegen das auf der Gegenseite blühende Geschäft der Heils- propheten, die von nachwachsenden Herzen und fröhlich sprießenden Nieren schwärmen, kam vom Pathophysiologen Meinrad Peterlik, wie Körtner Mitglied in Wolfgang Schüssels Ethikkommission: Wer die Erlaubnis für neue, ethisch bedenkliche, weil potenzielles menschliches Leben "verbrauchende" Technologien haben will, soll, so Peterlik, nicht nur seine Frohbotschaft verkünden, sondern nachvollziehbar darlegen, welche medizinische Indikation für die neue Methode gegeben ist.

Fazit: Wir haben derzeit, trotz aller Grundsatzdiskussionen, keinen Bedarf an gesetzlichen Regelungen. Leider. Denn das zeigt, dass wir beim entscheidenden Spiel des Jahrhunderts auf der Zuschauertribüne sitzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2001,

von Michael Fleischhacker
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