Brandwache im Ballsaal

19. August 2001, 19:14
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Glutnester in Sofiensälen erschweren Ermittlungen, Wiederaufbau fraglich

Wien - Kein Ruß an der Fassade, keine Risse im Mauerwerk, ja nicht einmal Brandgeruch - drei Tage nach dem Großfeuer waren die Sofiensäle in Wien-Landstraße Sonntagvormittag kein lohnendes Ziel mehr für das brennende Interesse von Schaulustigen. Doch der äußere Anschein täuschte. Drinnen hielt die Feuerwehr noch Brandwache: Die leichte Sommerbrise ließ immer wieder gefährliche Glutnester im Schutt des völlig zerstörten Ballsaales aufflackern. "Alles im Griff, aber noch nicht ,Brand aus'", hieß es in der Wiener Feuerwehrzentrale.

Auch Löschschaum, der in die Hohlräume unterhalb der Schuttmassen gespritzt wurde, konnte die vereinzelten Glutnester nicht ersticken. Das historische Badebecken unterhalb des Tanzbodens ist mit so viel Löschwasser gefüllt, dass sogar der Einsatz von Tauchern erwogen wurde, um die Decke zu stützen. Der Plan erwies sich jedoch zunächst als zu gefährlich.

Am Brandort wurde ein Teleskopmast aufgestellt, um die Situation von oben beobachten zu können. Innerhalb der Brandruine drohte ein Betonbrocken von den verbliebenen Deckenresten zu fallen. Dies erschwerte auch die Arbeit der Brandexperten des Wiener Sicherheitsbüros. Die Spurenauswertung gestaltete sich extrem schwierig, Wasser und Löschschaum haben viele Details, die zur Klärung der Frage, warum sich das Feuer so schnell ausgebreitet hat, vernichtet.

Als wahrscheinliche Brandursache gelten nach wie vor Flämmarbeiten bei der Reparatur des Daches. Ob die damit beauftragte Baufirma Strabag für den Schaden von 100 Millionen Schilling (7,27 Mio. Euro) belangt wird, ist noch unklar. Die Sofiensäle waren bei der Allianz Elementar Versicherungs AG feuerversichert.

Großes Interesse haben die Kriminalisten auch an der Aussage eines Musikers, der dem STANDARD berichtet hatte, dass ausgehängte Feuerlöscher in dem Saal, der in den vergangenen Jahren auch eine der beliebtesten Clubbing-Adressen Wiens war, leer gewesen seien. Als das Feuer ausbrach, war im Saal gerade für eine CD-Aufnahme geprobt worden. Laut Betreibergesellschaft waren alle Feuerlöscher funktionstüchtig.

Dienstag ist eine Krisensitzung der Sofiensäle AG geplant. Auf Spekulationen, ob und wenn ja, mit welchen Finanziers, wiederaufgebaut werde, wollte man sich Sonntag nicht einlassen. (simo/DER STANDARD, Print, 19.8.2001)

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