Die Lösung ist: Es gibt keine

22. August 2001, 00:19
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Die Alpbacher Architekturreferenten zerstreuten sich auf der Suche nach dem Letztgültigen

von Ute Woltron


Alpbach - Rund um Alpbach weiden Kühe, drinnen in Alpbach steht ein Holzstadel, in dem kann rund um die Uhr die Milch abgeholt werden. Die Kühe sind echt, die Milch ist echt, und die Architektur des Stadels ist auch echt. Sie steht jedenfalls da, hineingezimmert in ein Dorf, in dem alles so geputzt und auf älplerisch gemacht ist, dass das Neue wie alt und das Alte wie neu ausschaut. Aber ist er, als Architektur, wirklich echt, der Stadel? Oder ist er nur dann echt, wenn er wirklich alt ist, obwohl er ausschaut wie neu?

Letztlich pendelten die Diskussionen über Architektur, mit denen das Europäische Forum Alpbach heuer eröffnet wurde, zwei Tage lang zwischen Polen wie diesen hin und her: Zwischen Alt und Neu, zwischen Gut und Böse, zwischen Kommerz und Kultur, zwischen Investorenbrutalität und Architektenengagement. Die reine Lehre wurde nicht gefunden, weil es sie nicht gibt. Fein war aber mitanzuschauen, wie jeder einzelne Referent (dazwischen mit Ulrike Lauber eine einsame Referentin) in ihren architektonischen Weltformeln so lange alle lästigen Variablen eliminierten, bis in sich logische Konstrukte stehen blieben, was auch eine Kunst für sich ist.

Gekonnt bewies etwa Kari Jormakka (von der TU Wien) anhand schlüssiger rhetorischer Schlenker, dass die Architektur eine keineswegs langsamere Disziplin sei als etwa der Journalismus oder die Popmusik. Ebenso tadellos wies TU-Kollege Manfred Wolff-Plottegg den überwältigenden Einfluss des Prozesses auf das damit erzielte Ergebnis nach, und während alle völlig Recht haben, wird in einem Stadel ein paar Häuser weiter Milch verkauft, von dem keiner mit Recht behaupten kann, er sei echt oder falsch.

Wie die Prozesse des Bauens und Städtemachens ablaufen, und wie sie sich in zunehmendem Maße in beängstigende Richtungen bewegen, lässt sich hingegen klar definieren.

Die Männer der Tat

Ob Politik oder Investorentum die Metropolen von morgen formen werden, darüber unterhielten sich Stadtplaner - wie Jörn Walter (Hamburg), Dietrich Henckel und Dieter Hoffmann-Axthelm (beide Berlin). Diese Männer der Tat kamen zwei Stunden lang vorzüglich ohne das Wort "Architekt" oder "Architektin" aus, der Begriff Architektur fiel zumindest ein einziges Mal, und zwar in Zusammenhang mit Kostensteigerung infolge Architekturstarbeschäftigung.

Hier, ganz genau an dieser bröckeligen Stelle zwischen Stadt, Investor und Architekt, beginnt es wirklich spannend zu werden, denn die Architektenbranche nimmt in naher Zukunft entweder ein Ende oder einen neuen Anfang. Wollen sich die Architekten sowohl kommerziell als auch mit ihrem gestalterischen Können künftig einmischen, dann müssen sie sich aggressiver, aktiver neu positionieren und sich den rasant ändernden Rahmenbedingungen mit Schläue anpassen.

"Die Branche, die das nicht zusammenbringt", behauptete Marktforscher Christian Hehenberger (Pregarten), "die wird ziemlich alt aussehen."

Wenn die Alpbacher Architekturgespräche des kommenden Jahres Beton in diese geborstenen Beziehungen zwischen den Planern und dem Rest der Welt gießen wollten, so wäre das ziemlich begrüßenswert.

Darüber, ob der Stadel echt oder falsch ist, kann man ja später weiterstreiten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 8. 2001)

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