Salzburger (Ver-)Hundstage

20. August 2001, 14:34
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Heiß Gekochtes lauwarm serviert: eine Fledermaus zum Kotzen, eine Ariadne zum Anhören und Wegschauen

Mit zwei Premieren von explosiver Brisanz wollte sich Gerard Mortier von Salzburg verabschieden. Doch heiß Gekochtes wurde wieder einmal lauwarm serviert: eine Fledermaus zum Kotzen, eine Ariadne zum Anhören und Wegschauen.

von Peter Vujica


Salzburg - Alles, was Gerard Mortier anlässlich seines Abschieds von Salzburg über Österreich, über die Politik und über die Kunst bisher gesagt und geschrieben hat, ist goldrichtig. Und dies in einem solchen Ausmaß, dass er, wäre er in Salzburg am Samstag der Fledermaus und am Sonntag der Ariadne auf Naxos als argloser Premierengast zum Opfer gefallen, sich zu diesen beiden Produktionen wohl anders äußern würde, als er es jetzt - als mutwilliger Täter - einfach muss.

Er muss doch sicher wissen, dass nicht nur Salzburger Festspielintendanten sehr sensible Menschen sind, sondern auch die zahlenden Besucher ein möglicherweise doch auch irritables Innenleben haben. Und dass vor allem auch Kunstwerke, insbesondere jene für das Musiktheater, äußerst fragile Wesen sind. Und dass es daher schlicht und einfach kaltherzig ist, eine kammermusikalische Opernintimität wie die Ariadne von Richard Strauss im Großen Festspielhaus verhallen zu lassen.

Und dies trotz hoher musikalischer Qualitäten, für die Christoph von Dohnányi mit den Wiener Philharmonikern gesorgt hat. Mortier weiß doch auch wie kein anderer, dass zum Veranstalten erfolgreicher Events nicht nur ein wendiger Intellekt nötig ist, sondern (neben der wie dieses Mal ungehorsamen Fortune) auch ein waches Sonnengeflecht, aus dem das feine Gefühl für das erwächst, was geht und was eben nicht mehr geht - wie zum Beispiel die unter dem Sonnengeflecht angesiedelten Körperzonen zum eigentlichen Schauplatz zweier Premieren zu machen.

Schon während der vom Mozarteum Orchester recht flott und präzise intonierten Fledermaus-Ouvertüre wird fleißig auf einem monströsen Gelsenstachel geritten, Matthias Kinks Latte, die er als Alfred ständig vor sein Hosentürl zu halten hat, reicht höher als sein Tenor. Rosalinde (Elzbieta Szmytka) gefällt dies so sehr, dass sie - übrigens mit Peymann-gerechtem S-Fehler - eine Vorliebe für das Wort "stehen" entwickelt. Wie auch der unübersehbaren Riege an Chargen zumindest eine Hand zwischen den Beinen angewachsen scheint.

Da wird gerieben und gefummelt, dass es keine Freude ist. Und die angekündigte Abrechnung mit Österreich? Einmal sagt Elisabeth Trissenaar, die Karl Kraus und Hugo Ball zitierend als Frosch sinnlos durch die Vorstellung geistert, Arnold Schönberg habe während des Krieges als Hausgehilfe im Stift Melk Unterschlupf gefunden. Da kann man nur sagen, so schmeichelhaft wurde der katholische Klerus der Nazizeit schon lange nicht verleumdet.

Das Bankkonto

Wer sich jetzt nicht mehr auskennt, braucht sich darob nicht zu beunruhigen. Mit der Fledermaus hat dies alles nur mittelbar zu tun, schon mehr mit dem Bankkonto von Hans Neuenfels, der das alles, was sich in der von Reinhard von der Tannen trübselig ausstaffierten Felsenreitschule abspielt, nicht nur inszeniert, sondern auch für seine Bedürfnisse lukrativ zurechtgeschrieben hat.

Und wenn Rosalinde im Orlofsky-Akt auf dem Dach einer Kutsche noch mit irgendeinem Uniformierten eine schnelle Nummer schiebt und im dritten Akt sich die Wachmannschaft die Kleider vom Leib reißt und sich (im schicklichen Trikot) mit den Händen unter dem Sonnengeflecht am Boden wutzelt, da wird man den Verdacht nicht los, hier gibt's bei einem oder mehreren vielleicht ein delikates Problemchen. Ein Arzt könnte da vielleicht abhelfen.

Sicher nicht das Publikum der Felsenreitschule. Und schon gar nicht sollte man das Ensemble damit behelligen. Armer Olaf Bär als Dr. Falke, armer Christoph Homberger als Eisenstein, der mit dem Gefängnisdirektor (Dale Duesing) - ha, ha - Schwulenhochzeit feiern muss, arme Malin Hartelius, die als makellos singende Adele Rosalinde - Sklavenspiel! - die Füße küssen muss. Doch was tut man nicht alles ums Geld!

Sie alle bekommen als Gäste des abgewrackten, krächzenden und kotzenden Freaks Orlofsky keinen Champagner zu trinken, sondern Kokain zu schnupfen. Und hin und wieder wird die während des Zweiten Weltkriegs als Kennmelodie für die Frontberichte verwendete Passage aus Franz Liszts Les Préludes eingespielt. Das nennt man offenbar Gegenwartsbezug. (Vielleicht lässt der wie ein Hausheiliger milde aus allen Programmen und von allen Foyerwänden lächelnde Vilar eine erträgliche Tonanlage springen.)

Auf der Flucht

Das Publikum sah das nicht so. Zum beträchtlichen Teil hat es am Ende stumm die Flucht ergriffen. Andere warteten, bis sich Hans Neuenfels auf die Bühne wagte, um ihm aufs Kräftigste ihre Meinung zu buhen. Nicht viel anders erging es Jossi Wieler und Sergio Morabito mit ihrer Ariadne-Inszenierung. Als Architektin dieses kapitalen optischen Misserfolgs ging die mit Wieler geradezu siamesisch verbundene Ausstatterin Anna Viebrock zu Werke.

Baute sie für das Vorspiel das Foyer des Großen Festspielhauses nach, so diente nach der Pause für die Oper der Vorraum des Direktionstraktes als optisch extrem abturnende Vorlage. Doch wenn das Blut wallt, kann die Umgebung nicht abturnend genug sein. Und nach Zerbinettas (Natalie Dessays) mit allen stimmlichen Prachten bis zu einem makellosen hohen D absolvierter Arie fallen die Possenreißer (Russell Braun, Heinz Göhrig, Franz-Josef Selig, Gert Henning-Jensen) über sie her, als wären sie in der Fledermaus.

Daneben soll die in der Titelpartie nicht minder aufsehenerregende Deborah Polaski schön brav traurig bleiben. Bei so viel vielsagend angekündigter und konsequent abwesender brisanter Aktualität könnte man beinah auf den Verdacht verfallen, mit Ariadne im Vorzimmer der Festspieldirektion könnte gar die Präsidentin gemeint sein, die nach einem Erlöser (von Gerard Mortier) schmachtet und diesen nun in Peter Ruzicka gefunden hat.

Vorläufig kommt allerdings, von drei ziemlich faul agierenden Putzfrauen (Najade/ Diana Damrau, Dryade/Alice Coote, Echo/Martina Janková) angekündigt, Jon Villars als ebenfalls sehr respektabel singender Bacchus daher. Doch das Glück mit Ariadne währt nicht lange. Anders als Hofmannsthal dies möchte, tritt er nach Ende des abschließenden schwelgerischen Zwiegesangs durch eine Tür mit der Aufschrift "Putzkammer" ab. Ob Gerard Mortier so ein krampfhafter Blödsinn gefallen würde, wäre er für ihn nicht verantwortlich, bleibe dahingestellt. Die Begeisterung für Susan Graham als Komponist, die Freude über John Bröcheler als Musiklehrer und André Jung als Haushofmeister würde man - so wie auch das Publikum - schon eher teilen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 8. 2001)

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