Geht es wirklich um "Globalisierung"? - Von Gunther Tichy

19. August 2001, 19:13
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Globalisierung ist ein vieldeutiger Begriff: Die Globalisierung, gegen die die Globalisierungsprotestierer kämpfen, ist tatsächlich recht genau das, was angloamerikanische Kapitalkreise mit "Globalisierung" zu erreichen suchen. Aber sie ist keineswegs das, was die Lehrbücher oder die meisten Volkswirte unter Globalisierung verstehen.

Globalisierung kann freier Warenhandel, freier Kapitalverkehr oder freier Personenverkehr bedeuten, einzeln oder in Kombination. Dass freier Waren- und Dienstleistungsverkehr und freier langfristiger Kapitalverkehr unverzichtbare Bestandteile einer Globalisierung sind, und im Allgemeinen auch zu einer weltweiten Verbesserung der Wohlfahrt beitragen, ist weitgehend unbestritten. Hingegen ist die wohlstandssteigernde Wirkung freien kurzfristigen Kapitalverkehrs durchaus umstritten, und freien Personenverkehr wollen selbst die größten Globalisierungsfans bloß für die jeweils benötigten Arbeitskräfte.

In der EU, einer Gruppe halbwegs homogener Staaten, sind alle drei Freiheiten weitgehend verwirklicht; weltweit hingegen gibt es weder freien Waren- und Dienstleistungs- noch Personenverkehr, wohl aber weitestgehend freien - auch kurzfristigen - Kapitalverkehr, eine keineswegs unproblematische Kombination. Das Wunschbild der Globalisierungsfans und das Feindbild der Globalisierungsgegner versteht unter "Globalisierung" jedoch anderes, nämlich die Unterwerfung aller Entscheidungen unter die "Disziplin des Kapitalmarkts". Die absolute Unterwerfung aller Entscheidungen unter die "weltweit unvermeidliche Disziplin des Kapitalmarkts" ist das politische Ziel des radikalen Neoliberalismus wie auch der USA - verständlicherweise, da New York das Zentrum des Weltkapitalmarkts ist.

USA: Globalisierungsmodell weitgehend verwirklicht

Tatsächlich ist das "Globalisierungs"-Modell der Kapitalmarktdominanz in den USA weitgehend verwirklicht: Die meisten Unternehmungen finanzieren sich über den Kapitalmarkt, und der Börsenkurs ist das entscheidende Kriterium des Unternehmenserfolgs: Glaubt "der Markt", dass ein Unternehmen sein Potenzial nicht ausnutzt, sinkt sein Kurs, andere kaufen es auf, entlassen das Management und "rationalisieren".

Der "anonyme Markt", der via Börsenkurs das Schicksal von Unternehmen, Managern und Belegschaft ent-scheidet, hat jedoch eine durchaus persönliche Emanation in Form der Analysten in Banken und Fonds, d. h. deren Bewertungen bzw. Kauf- und Verkaufsempfehlungen. Abgesehen vom moralischen Risiko dieses Systems leidet es auch unter seiner Kurzsichtigkeit. Wollen Fonds oder Banken für Anleger attraktiv sein, müssen sie Erfolge nachweisen, und zwar vierteljährlich. Nach diesem Zeithorizont müssen sich auch die Analysten richten, denn auch bloß kurzfristige Verluste würden weder der Fonds noch der Analyst erleben - selbst bei Erwartung großer künftiger Gewinne.

Allesentscheidende Größe

Wenn Fonds und Analyst aber zu kurzfristigem Erfolg gezwungen sind, müssen sich die Manager danach richten. Die Gewinnprognose für das nächste Quartal wird zu der alles entscheidenden Größe. Sieht sie un-günstig aus, muss das Management "action" zeigen: Drastische Reduktion der Belegschaft, Schließung von Werken, Austausch von Managern.Ob das langfristig vielleicht erheblich schadet, steht nicht zur Debatte. Dazu kommt als weiteres Problem, dass es für "den Kapitalmarkt" irrelevant ist, ob der Gewinn aus Effizienz oder Marktmacht stammt; gerade Monopole versprechen gute Renditen. Darum konzentrieren sich Unternehmen immer mehr auf ihr Kerngeschäft und wollen dabei zu den weltweit größten drei gehören: Das bedeutet Macht, die Preise zu setzen, und gilt nicht bloß für Bill Gates und Boeing: Auch der Generaldirektor des vergleichsweise kleinen österreichischen Multis Wienerberger sagte anlässlich der Übernahme der deutschen Megalith-Gruppe, Ziel sei es, Konkurrenten entweder aus dem Markt zu drängen oder aufzukaufen; nur so könne man attraktive Preise erzielen. Das Preisniveau müsse um 30 Prozent angehoben werden. Für die Konsumenten erscheint solches allerdings weniger attraktiv als für die Anleger.

Für die USA ist das Modell der ausschließlichen Kapitalmarktkontrolle offenbar geeignet: Scheint doch die Bevölkerung dort weniger Interesse an langfristiger Betriebsbindung zu haben, ist ihre Mobilität viel größer, besteht eine lange Tradition unproblematischer Unternehmensgründung und -schließung, und gibt es genügend Superreiche, die über Risikokapital junge Unternehmen mit langfristigen Gewinnchancen finanzieren.

Europa: Voraussetzungen fehlen

Europa fehlen alle diese Voraussetzungen; das Modell würde nicht passen, und der Übergang zu einem neuen - noch dazu unpassenden - Modell bedeutet erhebliche Anpassungskosten: good for US-competitiveness but bad for Europe. Die Globalisierungsgegner wehren sich demgemäß zu Recht gegen "Globalisierung" in Form des unpassenden US-Modells. Da die drei großen Blöcke trotz aller "Globalisierung" untereinander wenig verflochten sind und bloß ein Achtel ihrer Waren und Dienstleistungen austauschen, können europäisches, amerikanisches und asiatisches Modell ohne weiteres nebeneinander bestehen.

Dass das US-Modell erfolgreicher wäre, lässt sich ohnedies nicht behaupten: Zwar schuf es mehr Arbeitsplätze, doch bei längerfristig keineswegs höheren Wachstumsraten und um den Preis eines hohen und sehr bedenklichen Leistungsbilanzdefizits. (DER STANDARD, Printausgabe 20.8.2001)

Gunther Tichy ist Chef des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
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