Osteuropa nicht schuld an der Euro-Schwäche

19. August 2001, 18:27
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Bundesbank-Präsident Welteke: DM-Barbestände zu klein, um Wechselkurs zu beeinflussen

Wien - In der aktuellen Diskussion um die Ursachen der prinzipiellen Euro-Schwäche wird der Wertverlust des Euro mit dem Umtausch der exterritorialen DM-Bestände in US-Dollar vor Einführung des Euro-Bargeldes zu Jahresbeginn 2002 in Verbindung gebracht. Dabei wird die These aufgestellt, dass viele Osteuropäer und Türken, die die deutsche Währung als Transaktions-und Wertaufbewahrungsmittel schätzen und verwenden, dem unbekannten Euro eher skeptisch gegenüberstehen. Daher würde der bevorstehende Bargeldumtausch zum Anlass genommen, das DM-Bargeld zunächst einmal in US-Dollar umzutauschen.

Diese Nachfrageverschiebung in Osteuropa und in der Türkei zugunsten der US-Währung und die daraus resultierenden Bestandsveränderungen auf den Devisenmärkten seien ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Faktor zur Erklärung des schwachen Euro, meinen viele Experten, darunter auch Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München.

Barbestände zu niedrig

Die Deutsche Bank, die sich in der jüngsten Ausgabe des DB Research mit diesem Thema ausführlich befasste, widerspricht diesen Theorien. Zwar räumt sie ein, dass die DM-Barbestände in Osteuropa und der Türkei, die auf 44 bis 61 Mrd. DM (3,2 bis 4,4 Mrd. Euro) geschätzt werden, durchaus auch 100 Mrd. DM und sogar noch mehr ausmachen können, insgesamt seien sie aber doch zu niedrig, um als alleinige oder hauptsächliche Ursache für die Euro-Schwäche gelten zu können.

Für die Wechselkursbildung sei nicht notwendigerweise nur der Bargeldumlauf von Bedeutung, sondern womöglich ein breiter gefasstes Geldmengenaggregat, wie das Euroland M3, das rund 5300 EURO ausmacht gegenüber derzeit 117 Mrd. EURO DM-Bargeldumlauf. Damit würden Schwankungen in der deutschen Bargeldhaltung für die Wechselkursbildung nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Nettoabfluss

Auch Bundesbankpräsident Ernst Welteke wies darauf hin, dass die bisherigen Volumina des Umtausches von Bargeldbeständen zu gering seien, um den Devisenmarkt nachhaltig zu beeinflussen. Seit 1997 habe Euroland einen Nettoabfluss von Wertpapieranlagen in Höhe von gut 360 Mrd. EURO (4954 Mrd. S) zu verzeichnen gehabt - ein Vielfaches der gesamten DM-Bargeldbestände im Ausland, selbst wenn man es mit den höchsten Schätzungen vergleiche.

Verluste seit 1995

Als weiteres Argument führt die Deutsche Bank ins Treffen, dass die DM gegenüber dem Dollar bereits seit 1995 an Wert verliere, wogegen der DM-Bargeldbestand gegenüber dem Dollar-Bargeld bis einschließlich 1996 noch gestiegen beziehungsweise stabil geblieben sei. Vor allem zeige der Euro aber bereits seit einem Jahr keinen klaren Trend mehr - nach der Umtauschthese hätte sich aber ein verstärkter Abwärtstrend bemerkbar machen müssen. Und schließlich habe sich der Euro nicht nur gegenüber dem Dollar abgeschwächt, sondern auch gegenüber Währungen wie dem Schweizer Franken und dem japanischen Yen, in welche kaum ein Bargeldumtausch stattgefunden haben sollte.

Auch im weiteren Verlauf der Euro-Bargeldeinführung dürfte von den DM-Beständen in Osteuropa und der Türkei kaum eine ernsthafte Gefahr für den Euro-Wechselkurs ausgehen, hofft die Deutsche Bank. Zwar werde es - als Folge der Euro-Schwäche und nicht als dessen Ursache - weiterhin zum Umtausch von DM in Dollar kommen, dieses Volumen werde aber gegenüber den Kapitalmarktströmen kaum ins Gewicht fallen.

Hauptgründe für die Euro-Schwäche sind nach Meinung der Deutschen Bank Nettokapitalströme im Aktienbereich (Portfolio- und Direktinvestitionen) sowie erwartete Wachstums- und Zinsdifferenzen. Das Institut stützt sich dabei auf eine aktuelle empirische Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF), die zu genau diesem Resultat gekommen sei. (Günter Baburek, DER STANDARD, Printausgabe 20.8.2001)

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