Liebesfreud und Liebesleid auf Brasilianisch

20. August 2001, 13:48
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Eine Affäre bringt die Arbeiterpartei kurz vor der Präsidentenwahl in Verlegenheit

Brasilia/Buenos Aires - In São Paulo spielt sich eine Geschichte ab, die aus dem Stoff gemacht scheint, der sonst die beliebten Telenovelas nährt. Die Nation schaut gebannt zu.

Die attraktive, charismatische und temperamentvolle Mittfünfzigerin Martha Suplicy ist in Liebe zu einem Cheffunktionär der Arbeiterpartei (PT) entbrannt und will ihn nächstes Jahr heiraten. Martha, wie sie von Freund und Feind genannt wird, residiert im prachtvollen Rathaus von São Paulo, das sie vor einem Jahr in einem brillanten Feldzug erobert hat. Die ehemalige Psychologin und Sexologin, einer der reichsten Industriellenfamilien Brasiliens entstammend, regiert heute die drittgrößte Stadt der Welt, eine Wirtschaftsmetropole mit Riesenproblemen in allen Bereichen.

Näher gekommen ist sie ihrem Geliebten, dem Francoargentinier Luis Favre, während des Wahlkampfs, den er für sie führte. Wie ein Schatten habe er an ihr geklebt, heißt es. Favre floh in den Siebzigerjahren aus Argentinien, soll in der trotzkistischen Internationale eine Rolle gespielt haben und ist heute als Vertrauter des brasilianischen PT-Präsidenten Inacio Lula da Silva in der Arbeiterpartei für die internationalen Beziehungen verantwortlich.

Der Dritte im Bunde...

Der Dritte im nunmehr gesprengten Bunde, Eduardo Suplicy, war über 30 Jahre lang mit Martha verheiratet. Auch er kommt aus einer der reichsten Familien Brasiliens, auch er arbeitet seit Jahrzehnten unermüdlich für die Arbeiterpartei, für die er im Senat sitzt. Wie Martha gehört Eduardo zu den am höchsten geachteten Politikern des Landes. Sein Hobby ist die Mindestrente für alle, eine Utopie, von deren Machbarkeit er überzeugt ist und die er als eloquenter Missionar im In- und Ausland vertritt.

Martha und Favre lassen sich von den täglich wilder werdenden Medienabgesandten nichts entlocken, aber der noble Eduardo kann seine Eifersucht nicht mehr zügeln. Er gibt Martha, von der er getrennt lebt, nicht verloren, möchte sie wiedererobern. Und er möchte außerdem nächstes Jahr Präsident Brasiliens werden.

Aus Privatem wird Politik

An diesem Punkt wird das Private politisch. Präsident will auch Inacio Lula da Silva werden. Dreimal hat er's schon versucht. Erfolglos. Seine schwerfälligen, am Klassenkampf orientierten Reden, seine offensichtliche Inkompetenz in Wirtschaftsfragen, sein oft ungeschickter Umgang mit den Medien haben ihn jedes Mal kurz vor dem Ziel scheitern lassen. Dieses Mal sieht es für die Arbeiterpartei so gut aus wie nie zuvor. Der amtierende Präsident Fernando Henrique Cardoso befindet sich wegen seiner Arroganz, verschiedenen Korruptionsfällen in seiner Umgebung und vor allem wegen der nicht rechtzeitig erkannten Energiekrise auf einem absoluten Tiefpunkt der Popularität. Die modernisierte PT, die gerade wegen des Prestiges von Figuren wie den Suplicys im Ansehen gewaltig zulegen konnte, würde die Wahlen, fänden sie heute statt, bequem gewinnen. Sie darf nur keine Fehler machen.

Eine leidenschaftliche Geschichte, von der man nie weiß, wie sich die Protagonisten in der nächsten Folge verhalten werden, verursacht den Parteibonzen Unbehagen. Schwer abzuschätzen, ob Marthas Liebe und Eduardos Eifersucht dem Wahlresultat der PT im Jahr 2002 schaden oder nützen werden. In den nächsten Monaten muss die Partei entscheiden, ob sie Inacio Lula da Silva ein weiteres Mal oder den eifersüchtigen Senator Suplicy ins Rennen schicken will. Lula da Silva fand, die Gelegenheit sei günstig, um seinem Nebenbuhler eins auszuwischen und erklärte sich öffentlich "beeindruckt und bewegt" von der Liebe Favres, seines Vertrauten, zur Bürgermeisterin, die bei der Entscheidung über die Präsidentschaftskandidatur einiges mitzureden hat.

Unangenehm

Eduardo beklagte sich postwendend und ebenso öffentlich über das "ungehörige Verhalten" seines politischen Rivalen, der sich nicht scheue, sich in sein Privatleben einzumischen. Der Schlagabtausch zeigt, dass der Rubikon überschritten ist. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Politisches und Privates werden sich in dieser realen Novela fortan nicht mehr trennen lassen. (DerStandard,Print-Ausgabe,20.8.2001)

Standard-Mitarbeiter Christoph Kuhn
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