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19. August 2001, 15:43
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derStandard.at:
Es gibt Hinweise, dass Ihr schon längere Zeit observiert wurdet, wann ist Euch das das erste Mal aufgefallen?

VolxTheaterKarawane:
Dass wir observiert werden, war uns schon immer klar, dass ein politisches Projekt wie die VolxTheaterKarawane nicht ohne Aufmerksamkeit der Polizei abrennt, war uns von Anfang an ziemlich klar, aber wir haben dieses Projekt von Anfang an sehr offen angelegt, von dem her ist es auch nicht so ein Problem, das das observiert wird. Das Schlimme ist die Auswirkung jetzt, im Zusammenhang mit dem Konstrukt der Kriminellen Vereinigung, und auch mit der Datenweitergabe, die von Österreich aus passiert ist. Die Auswirkungen, die wir in Genua gespürt haben. Dass das so eine Dimension annehmen kann, war uns nicht sehr bewußt.

derStandard.at:
Wie war der Ablauf, ihr seid vorher schon mehrfach kontrolliert worden, war das erst in Italien oder noch in Österreich?

VolxTheaterKarawane:
Wir sind schon in Österreich mehrmals kontrolliert worden, in Salzburg hat man unsere Schlauchrequisiten als geheimes Waffenlager bezeichnet. Auch in Kärnten hat die Polizei schon ihre Präsenz gezeigt, wo wir eine Veranstaltung am Perschmannhof hatten. Da wollten sie irgendwelche Listen haben, von Menschen, die nach Genua fahren. Seit wann ist es üblich, dass eine öffentliche Veranstaltung ankündigt, dass dann dann plötzlich von der Sicherheitsdirektion gebeten wird, man möge die Liste aller Gäste abgeben? In Italien sind wir sicher drei-, viermal kontrolliert worden. Und es hat nie Probleme gegeben. Sie haben einmal schon in Ponte Venero den Bus umstellt und einmal in Tarvisio, wo wir beim Manu Chao-Konzert waren, und es gab nie Beanstandungen. Nach Genua war das alles plötzlich ein Problem.

derStandard.at:
Ihr seid offensichtlich auf schwarzen Listen gestanden, die der italienischen Polizei zur Verfügung standen, offensichtlich haben sie die Informationen zu diesen Listen aus Österreich bekommen, wann habt Ihr das mitbekommen, dass Ihr überhaupt auf solchen Listen steht?

VolxTheaterKarawane:
Wir haben noch keine dezidierte Bestätigung, aber es hat geheißen, dass wir drei Jahre Einreiseverbot nach Italien haben, nicht nur die Leute, die auf der Liste stehen, sondern alle 25 Mitglieder der VolxTheaterKarawane. Ich persönlich habe davon erfahren, dass ich auf so einer Liste stehe, über eine österreichische Wochenzeitung, deren Namen ich jetzt nicht nennen will. Das hat mir ziemlich zu denken gegeben. Es war schon irgendwie bekannt, dass es solche Listen gibt, aber ich habe erst nach zweieinhalb Wochen im Häfn in Alessandria erfahren, dass ich da drauf stehe. Es war ein bissel ein komisches Gefühl, weil nicht klar war, ob bei der Haftprüfungsverhandlung selektiert wird, und nach welchen Kriterien da selektiert wird. Es war natürlich die Gefahr, dass diese Liste ein Kriterium ist.

derStandard.at:
Es ist nicht für Euch nachvollziehbar, welche Personen auf der Liste gestanden sind und welche nicht, und nach welchen Kriterien die österreichische Polizei diese Leute auf die Liste gesetzt hat?

VolxTheaterKarawane:
Es war wirklich nicht ganz zu durchschauen, nach welchen Kriterien vorgenagen wurde, ich glaube, das war relativ willkürlich. Ich weiß nicht was da wirklich das System dahinter war. Es gibt ja auch so wenig Informationen über diese Eintragungen, was da drinnen steht, und was da überhaupt reinkommt. Wenn da jede potenzielle Anzeige reinkommt, dann kann da relativ viel drinnenstehen. Es ist aber glaube ich bis jetzt nicht wirklich in der Öffentlichkeit bekannt, was für eine Eintragung die Kriterien sind. Es ist jetzt zu hoffen, dass das mehr öffentlich wird, wie das rennt und das diese Dateien einmal durchforstet werden oder vielleicht gelöscht werden. Die Liste hat einige Leute zutiefst in Ängste gestürzt und hat noch mehr schlaflose Nächte erzeugt, weil man nicht wußte, was sind das für Kriterien, die da angewandt werden. Was offensichtlich ist, ist, dass Leute die schon länger politisch aktiv sind, dass die da drinnen stehen und auf solche Listen kommen können. Das ist ja mittlerweile anscheinend europaweite Praxis und das bedeutet natürlich, dass politisch missliebige Personen zu bestimmten Anlässen nicht in bestimmte Länder reisen dürfen. Wenn man schon von Rechtsstaat redet, ist das sehr zu hinterfragen. Es war ja schon absurd, dass unser Thema als VolxTheaterKarawane war das Recht auf Bewegungsfreiheit, vor allem auf das Thema Migration bezogen, und dass wir vor Schubhaft-Gefängnissen Aktionen gemacht haben, und dann selber schlußendlich im Gefängnis landen und auch noch deportiert werden. Auch als Teil des Europaweiten NoBorder-Netzwerkes ist die Karawane gereist, und das NoBorder-Netzwerk vertritt Bewegungsfreiheit für alle Menschen. Da geht es natürlich vor allem um MigrantInnen, aber natürlich auch um EU-BürgerInnen, weil das, was in den Schengenstaaten als Bewegungsfreiheit gesehen wird, in Anlassfäälen sowieso eingeschränkt wird, wie bei Genua und Salzburg, und es sieht so aus, dass das nun auch auf politisch missliebige Personen übergestülpt werden soll.

derStandard.at:
Zum Thema Bewegungsfreiheit: Wie ist es begründet worden, dass Ihr nach der Enthaftung abgeschoben wurdet. Wie passt das zusammen? Ein Aufenthaltsverbot ist ja noch nicht ausgesprochen worden.

VolxTheaterKarawane:
Wir haben ein gewisses Informationsdefizit. Am Tag der Enthaftung war auch eine chaotische Situation im Häfn. Es war nicht klar, ob wir einfach vor die Tür gesetzt werden, es war nicht klar ob wir per Flugzeug, per Bahn, per Auto, per Bus abgeschoben würden. Das war bis zuletzt nicht klar. Wir haben jetzt keine schriftliche Begründung dazu bekommen.

derStandard.at:
Was habt Ihr im Gefängnis über das, was passiert, gewußt?

VolxTheaterKarawane:
Anfänglich überhaupt nichts, die ersten vier Tage waren wir von der Außenwelt abgeschnitten, da war bei uns Frauen der einzige Kontakt der Gefängnispfarrer. Und wir sind die ersten vier Tage mit den Frauen aus der Schule Diaz, die dort alle geschlagen worden sind, in Haft gesessen. Die waren schwerst verletzt, Armbrüche, Beinbrüche und so weiter. Bei denen ist relativ schnell das Konsulat gekommen, bei uns am vierten Tag. Eigentlich sind wir alle davon ausgegangen, dass wir freikommen. Für uns war das erste Kontakt nach außen mit Voggenhuber und Klaus Famira, der aus der Botschaft in Rom gekommen ist, wo wir das erste Mal erzählen konnten, was uns bei der Verhaftung und in der Nacht danach passiert ist.

derStandard.at:
Weil es die Vorwürfe gegen die Grünen gibt: die Grünen haben sich engagiert, zwar auch eher spät, aber sie haben etwas getan, wie schätzt ihr das ein, war das aus parteipolitischem Kalkül, oder war es echtes Engagement?

VolxTheaterKarawane:
Ich denke, dass es beides war, parteipolitisches Kalkül und Engagement, aber es war so, dass die Grünen die ersten waren, die sich öffentlich für uns eingesetzt haben. Der Besuch von Voggenhuber war dann sehr positiv. Im nachhinein betrachtet war es ziemlich wichtig, dass die Tatsachen der Mißhandlungen über den Weg an die Öffentlichkeit gekommen sind, weil vorher noch sehr wenig bekannt war. Bei uns Männern war der erste Kontakt mit draußen am Donnerstag vor der Haftprüfung mit dem Botschafter und mit dem Konsul aus Mailand. Beiden haben wir erzählt, dass wir bei der Verhaftung mißhandelt worden sind. Und dann hat es geheißen, 'die haben nichts gesagt', aber das stimmt nicht. Dass die das nicht weitergegeben haben, ist nicht unser Versehen gewesen. Von den Anschuldigungen haben wir erst bei der Haftprüfung nach vier Tagen erfahren, was uns überhaupt vorgeworfen wird. Das war schon sehr massiv und hat eine gewisse Schockwirkung gehabt. Mit einer Perspektive in einem Häfn sitzen, dass man Sachen angeklagt werden soll, die einen Strafrahmen von fünf bis fünfzehn Jahren haben, das war schon sehr heavy. Es ist eine psychisch sehr anstrengende Situation, da drinnen zu sitzen und handlungsunfähig zu sein.

derStandard.at:
Ihr seid jetzt enthaftet, das heißt, das Verfahren läuft weiter. Rechnet Ihr nach diesen absurden Ereignissen konkret mit einem Freispruch oder einer Verurteilung?

VolxTheaterKarawane:
Ich rechne damit, dass es zu keinem Prozess kommt. Es gibt keine Beweise, es gibt keine Grundlagen. Es hat auch bei der Haftprüfung so ausgesehen, dass die Staatsanwältin keine Argumente gegen uns hat. Es haben sich die Vorwürfe gegen uns als zu dünn, als Konstrukt erwiesen, darum haben wir freigelassen werden müssen. Ich denke, dass der Prozess einfach nicht stattfinden wird. Die Frage ist, wie wir mit diesem Konstrukt der kriminellen Vereinigung jetzt umgehen. Aber wir haben bis jetzt noch keinen Schrieb gekriegt, was uns überhaupt noch vorgeworfen wird. Das Problem ist, dass europaweit mit der Entstehung einer Protestkultur, die mit Seattle begonnen hat, wird gesucht, was man dagegen machen kann. Jetzt wurde eben dieses Konstrukt des Black Blockes als das Böse schlechthin entlarvt. Da paßt alles hinein: ein schwarzes Leiberl genauso wie ein weißes Leiberl, weil unter dem kann man ja ein schwarzes anhaben. Ein Theaterrequisit kann auch als Waffe verwendet werden. Ist es dann eher eine Waffe oder eher ein Theaterrequisit? Wenn man in ein Theater geht, gibt es jedesmal ein ganzes Waffenarsenal! Im Plädoyer der Staatsanwältin bei der Haftprüfung am Montag hat sie eine Definition von dem geliefert, was in ihren Augen der Black Block ist. Ich habe den Eindruck, dass alle Personen die an einer Demonstration teilnehmen, sehr leicht teil davon sein könnten. Die Kriterien sind sehr breit, das kann wirklich jeden und jede treffen, da geht es um schwarzes Gewand, da geht es genauso um buntes Gewand, weil das dann zur Tarnung dienen kann. Mir ist vorgekommen, dass dieser Text extra auf uns bezogen worden ist, weil 'Mitglieder des Schwarzen Blockes auch als Theatergruppe oder Schauspieler auftreten könnten', um zu tarnen, dass sie in Wirklichkeit ganz Böse sind. Sie hat gemeint, wir wären Dr. Jekyll und Mr. Hide.

derStandard.at:
Wie würdet Ihr den Schwarzen Block definieren? Ich habe noch nie irgendwo eine brauchbare Definition gelesen.

VolxTheaterKarawane:
Weil es ein Konstrukt ist. Meiner Meinung nach ist es ein politisches Konstrukt, das dazu dient, Bewegungen, die gegen Kapitalismus, gegen Unterdrückungsformen auftreten, zu kriminalisieren und für Medien ist es ein gefundenes Fressen. Da gibt es einen griffigen Ausdruck, der kann sich auch jederzeit wieder ändern, in zwei Jahren kann das ganz anders heißen. Es ist so eine Sache, die kann man leicht fassen, da hat man dann was zum Anschauen Es geht nicht nur um sogenannte Gewalttäter, es geht um Gesinnungsgemeinschaften, Gruppen, die sich politisch links definieren, fallen da relativ leicht hinein. Zu Beispiel über "Gewaltakzeptanz", was anscheinend auch bei uns im Stapobericht gestanden ist, dass einige von uns eine "Gewaltakzeptanz" haben, was soll das heißen? Hat die Polizei keine "Gewaltakzeptanz"? Die Polizei ist das ausführende Organ des Gewaltmonopols.

derStandard.at:
Welche rechtlichen Schritte habt ihr vor?

VolxTheaterKarawane:
Es gibt einige Überlegungen von rechtlichen Mitteln, die wir ergreifen wollen, aber das ist alles noch in Diskussion. Es gibt einige Eckpunkte, die dabei wichtig sind, wie die Geschichte der Datenweitergabe, inwieweit das Außenministerium und unsere lächelnde Außenministerin involviert war, auch medienrechtliche Klagen überlegen wir uns einige, zum Beispiel in Bezug auf Verleumdung, auch was die Mißhandlungen in Italien betrifft. Wir lassen uns sicher nicht so einfach bieten, dass wir in den Häfn gesteckt werden.

derStandard.at:
Wie seht Ihr das Verhalten der Österreichischen Regierung. War das für Euch unprofessionell, oder war es boshafter Revanchismus?

VolxTheaterKarawane:
Es hat so gewirkt als wäre es eine simple Möglichkeit der Entledigung von unangenehmen RegierungskritikerInnen. Ich hab mir nicht viel erwartet von österreichischer Seite, wir wußten dass die Regierungen von Österreich und Italien ganz gut befreundet sind. Der Wahnsinn ist, dass Daten weitergegeben werden und dass das noch über das Desinteresse hinausgeht.

derStandard.at:
Wie Ihr enthaftet worden seid, wurde im Radio jubelnd gemeldet, dass dass Ihr wieder daheim und bei Euren Familien seid. Es war am Ende fast so etwas wie eine "nationale Frage". Was bedeutet für Euch der Begriff Heimat und habt Ihr schon ein Angebot von Vera bekommen?

VolxTheaterKarawane:
Von Vera noch nicht, aber vielleicht kommt das noch. Das werden wir dann vielleicht nicht in Anspruch nehmen... Vielleicht hängt der Familienbegriff von dem ab, was auf den Plakaten von FPÖ und ÖVP steht. Wir sind von Freunden und Freundinnen abgeholt worden, natürlich haben sich unsere Blutsverwandten auch große Sorgen gemacht. Jetzt war halt dreieinhalb Wochen die Heimat in Alessandria im Gefängnis. Mit diesem Heimatbegriff kann ich wenig anfangen.

derStandard.at:
Würdet Ihr unter Umständen einmal im Burgtheater mit einer Performance auftreten, wenn Klaus Bachler Euch ein Angebot machen würde?

VolxTheaterKarawane:
Ich erwarte mir von österreichischen Theaterleuten auf institutionalisierter Ebene nicht sehr viel. Wir sind da prinzipiell sehr offen, aber unser Theaterbegriff ist da einfach ein ganz ein anderer. Der siedelt sich im nicht-institutionellen Theater an. Wir brauchen keine Regiepatriarchen. unser Theater besteht einfach nicht nur aus Strassentheater, sondern auch aus Internet und Tagebuch und dem Reisen und dem verbundenen Erfahrungshorizont. Es war für uns wie im Film, das Verfahren im Gerichtsaal war ein dramatischer Gerichtssaalkrimi. Eine Geschichte 'Wie wars in Genua', das kann man nicht abbilden, da sind die Mittel des Theaters, wie sie jetzt sind, nicht wirklich dazu geeignet. Man muss das VolxTheater als das betrachten, was es ist, nämlich als Laiengruppe und als Dillettantenpartie. Manchen Leuten gefällt das, was wir machen, vielen nicht. Wir versuchen, Stücke und Aktionen mit politischen Inhalten zu machen. Ich glaube, dass es so etwas wie einen Hype gegeben hat, und das wollen wir nicht.

derStandard.at:
Welches sind die zentralsten Inhalte?

VolxTheaterKarawane:
Es gibt viele wichtige Themen, die das VolxTheater Favoriten in den letzten Jahren behandelt hat. In Penthesilea war das Thema patriarchale Strukturen und Sexismus. Zur Zeit sind rassistische Strukturen das wichtigste Thema. Unsere Kampagne "NoBorder NoNation" ist eine idealistische Kampagne und so soll es auch sein. Deswegen wird auch das Mittel einer quasi grenzenlosen Kunst gewählt.

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