Weitere Todesfälle im Lipobay-Skandal befürchtet

20. August 2001, 10:31
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Ministerium rügt Bayers Informationspolitik - Behörden für Info-Pannen kritisiert

Frankfurt/Main - An den Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers Lipobay könnten nach Befürchtungen des deutschen Gesundheitsministeriums noch weitere Menschen sterben. "Neue Todesfälle sind nicht auszuschließen", sagte ein Sprecher am Sonntag. Staatssekretär Theo Schröder erhob erneut schwere Vorwürfe gegen den Bayer-Konzern: "Das Unternehmen hat nicht korrekt, nicht präzise und nicht zeitgerecht informiert." Unterdessen wurde bekannt, dass Bayer noch im Sommer in Bayern 110 Lipobay-Packungen kostenlos für Tests verteilte.

Laut Bayer sind weltweit 52 Fälle bekannt, in denen Menschen nach Einnahme des Blutfettsenkers Lipobay/Baycol an Muskelzerfall starben. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden allein in Deutschland im Jahr 2001 rund eine halbe Million Menschen mit Lipobay behandelt.

Gesetzesänderung

Gesundheitsstaatssekretär Schröder sagte in einem n-tv-Interview, über die Verhängung eines Bußgelds werde in den nächsten Tagen entschieden. Er kündigte eine Gesetzesänderung an mit dem Ziel, die Informationspflicht bei Aktiengesellschaften künftig dem Vorstand aufzuerlegen. Der Ministeriumssprecher ergänzte, im Moment wäre ein erster Arbeitsplan erstellt.

Das Münchener Nachrichtenmagazin "Focus" berichtete, noch knapp bis zum Rückruf des Medikaments habe der Bayer-Konzern versucht, dem Arzneimittel neue Anwendungsgebiete zu eröffnen. Demnach startete das Unternehmen im oberbayerischen Landkreis Ebersberg ein Modellprojekt zur Vorbeugung gegen Schlaganfälle und geistigen Verfall, bei dem 110 Packungen an Patienten gingen.

Die Informationspannen im Lipobay-Skandal haben aus Sicht des Kölner Gesundheitsexperten Karl Lauterbach ihre Ursache auch in der mangelhaften Zusammenarbeit der Behörden in Europa. Die Aufsichtsämter würden nur schlecht kooperieren, sagte das Mitglied im Sachverständigenrat des Gesundheitsministeriums im NDR. Lauterbach nannte es einen Missstand, dass derzeit Zulassungsverfahren existierten, in denen es ohne Langzeitstudien möglich sei, auf längerfristig zu verordnende Produkte im Markt zu platzieren. So fehle häufig die Informationsbasis, um überhaupt richtig aufklären zu können.

Klagflut

Als Konsequenz aus dem Lipobay-Skandal forderten Politiker und Krankenkassen, Ärzten die Annahme von teuren Werbegeschenken konsequent zu untersagen. Der Vorsitzende des Bundesgesundheitsausschusses, Klaus Kirschner, sagte der "Bild"-Zeitung, die Unsitte müsse beendet werden, dass Ärzte für das Verschreiben bestimmter Medikamente von Pharmafirmen geködert werden. Der Ärzteverband Marburger Bund wies die Vorwürfe zurück.

In den USA wurde vor einem Gericht in Philadelphia wegen des Lipobay-Skandals unterdessen eine weitere Sammelklage gegen die Bayer AG eingereicht. Eine Frau aus dem US-Staat Pennsylvania wirft dem Konzern unter anderem Betrug und Fahrlässigkeit vor. Sie leide an starken Schmerzen und Schwellungen, seit sie begonnen habe, das Cholesterin senkende Mittel einzunehmen. In den USA sind bereits in den Staaten Oklahoma, Missouri und New Jersey Sammelklagen gegen den Leverkusener Konzern eingereicht worden. Der Bayer AG drohen Entschädigungsforderungen in dreistelliger Millionenhöhe. (APA/AP)

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