Satellitennavigation made in Europe

17. August 2001, 23:39
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Ambitioniertes EU-Projekt als Gegenwicht zum GPS der USA

Mit dem Projekt Galileo will die Europäische Union ein Gegengewicht zum amerikanischen Global Positioning System, kurz GPS, setzen, das momentan weltweit die Satellitennavigation dominiert. Jedes Auto mit Navigationssystem ist heute vom Wohlwollen der USA abhängig.


Im Gegensatz zum amerikanischen GPS, das ursprünglich rein militärischen Zwecken diente und eigentlich als unvermeidlicher Nebeneffekt auch von Privatpersonen genutzt werden kann, soll Galileo unter rein ziviler Kontrolle stehen. Langfristiges Ziel des EU-Projektes ist die Entwicklung eines Navigationssystems, das für jeden europäischen Bürger erschwinglich sein und per Knopfdruck auf einige Meter genau seine geographische Position mitteilen soll. Nach den derzeitigen Spezifikationen soll das System in der Horizontalen auf vier und in der Höhe auf 7,7 Meter genaue Daten liefern und damit genauer als GPS sein.

Die EU will auch mehr Satelliten zur Positionsbestimmung einsetzen als die USA: Während GPS mit 24 Satelliten das Auslangen findet, sind in der technischen Konzeption von Galileo 30 Satelliten vorgesehen.

Die erste Assoziation, die im Zusammenhang mit der Satellitennavigation fällt, ist der Einsatz in Kraftfahrzeugen, aber das System kann wesentlich mehr, als nur Autofahrern den richtigen Weg zu ihrem Reiseziel zu weisen. So sind im Projekt Galileo neben den rein verkehrstechnischen Einsätzen (siehe auch der Bericht rechts unten) innovative Anwendungen wie beispielsweise die Fernbehandlung von Patienten in der Medizin, oder die automatische Beaufsichtigung von Strafgefangenen vorgesehen.

Auch in der Landwirtschaft wird der Satellitenortung vonseiten der EU ein hohes Anwendungspotenzial zugesprochen - mit entsprechender Software ausgestattet, könnten die Düngefahrzeuge Dünger und Pestizide vollautomatisch der Bodenbeschaffenheit entsprechend dosieren; dies spart unter Umständen nicht nur Kosten und erhöht die Erträge, sondern ist auch vom ökologischen Standpunkt her von immenser Bedeutung.

Die innerhalb der EU-Kommission für das Projekt Galileo verantwortliche Vizepräsidentin Loyola de Palacio strebt mit dem eigenen Satellitensystem nicht nur die Unabhängigkeit von der amerikanischen Technologie an, die europäische Variante soll auch sicherer und zuverlässiger funktionieren.

Besonderes Augenmerk kommt bei der Entwicklung von Galileo den Empfangsgeräten zu, soll das System letztendlich ja nicht nur Hightechfreaks und Spezialisten, sondern wirklich einer breiten Bevölkerungsschicht zugute kommen. Wobei die Entwickler vor allem auf die Integration der Galileo-Technologie in die Mobiltelefone der nächsten Generation setzen. So könnten UMTS-Handys serienmäßig mit einem winzig kleinen Satellitenempfangsmodul ausgestattet werden, das es dann erlaubt, die schon heute viel zitierten "Location Based Services" (ortsabhängige Dienste) der Handynetzbetreiber auf ein tatsächlich brauchbares Niveau anzuheben.

Location Based Services

Während bei der momentanen Standortbestimmung per GSM-Handy die Positionsbestimmung im schlimmsten Fall bis zu vier Kilometer von der tatsächlichen Position abweichen kann - was zum Beispiel bei der Suche nach dem nächsten Bankomaten, der nächsten Apotheke oft nur wenig Sinn macht -, kann Galileo durch die auf wenige Meter genauen Koordinaten den Benutzer viel effizienter ans Ziel bringen. Allerdings ist bei jeder Art der Satellitenkommunikation der freie Blick zum Himmel unabdingbar, das heißt, in Gebäuden, engen Schluchten oder unterirdischen Anlagen wird auch Galileo nicht funktionieren.

Es sei denn . . .

Wie GPS soll auch Galileo weltweit funktionieren, wobei das Konzept jedoch auch die Integration von regionalen und lokalen Komponenten vorsieht; und damit wäre es theoretisch auch denkbar, mit zusätzlichem technischem Aufwand auch Straßentunnels, Tiefgaragen etc. "Galileo-fähig" zu machen. Vor allem für die Lokalisierung von Notrufen und bei Unfällen - schließlich zählt die Sicherheit der Menschen zu einem der Hauptargumente für das Ortungssystem - ist es wichtig, das Netz so flächendeckend wie nur möglich aufzubauen. Die Technologie zur Aufrechterhaltung des Satellitendienstes in Ballungsgebieten, wenn die Sichtverbindung zu den Satelliten eingeschränkt oder gar nicht gegeben ist, befindet sich derzeit allerdings noch in einer sehr frühen Planungsphase.

Zeitplan für Galileo

Der Aufbau eines so komplexen Systems wie Galileo kann freilich nicht über Nacht geschehen: Bis zum Jahr 2005 läuft noch die Entwicklungs- und Validierungsphase, in der noch zahlreiche technische Details des Projektes erarbeitet werden müssen; in den Jahren 2006 und 2007 sollen die Satelliten nach und nach in ihre Umlaufbahnen gebracht und die Infrastruktur am Boden fertig gestellt werden, damit Anfang 2008 das Galileo-System in Betrieb gehen kann. Voraussetzung für die Einhaltung dieses Zeitplans ist allerdings, dass schon im Jahr 2004 mit dem Bau der ersten Satelliten begonnen wird - das bedeutet, dass vor allem bei der Verabschiedung der konkreten technischen Spezifikationen Beeilung angesagt ist.

Der Aufbau von Galileo, so schätzen die Experten der EU-Kommission, wird, wenn alles nach Plan verläuft, 3,25 Milliarden Euro (44,72 Mrd. Schilling) kosten, die jährlichen Betriebskosten sollen sich dann - inklusive der laufenden Erneuerung der Satellitenkonstellation - auf rund 220 Millionen Euro belaufen.

Bis Galileo wirklich einsatzfähig ist, soll in etwa zwei Jahren quasi zur Überbrückung das System Egnos in Betrieb genommen werden, das auf der amerikanischen GPS- und der russischen Glonass-Technologie basiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 8. 2001)

Von
Uwe Fischer-Wickenburg

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    foto: aapa/astrium
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