Leben im Dorf und im Slum

17. August 2001, 21:18
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Zweimal Amerika, einmal Norwegen: drei Arten, das Böse zu reflektieren

Einst wurde die Vanitas allen Fleisches in mittelalterlichen Totentanzbildern oder barocken Kunstwerken versinnbildlicht. Heutzutage sind es Sektionsberichte aus der Gerichtspathologie, mit deren faszinierenden Möglichkeiten uns die Autorin seit Jahren vertrauter macht, als uns manchmal lieb sein kann. Diesmal wird ihre Heldin Kay Scarpetta zu einem Toten im Containerhafen des James River gerufen. Im friedlichen Virginia ist diese schon gruselig verweste Leiche eher unerwartet, es weist alles darauf hin, dass der Tote aus Europa stammt. Nun hat Scarpetta aber nicht nur einen verzwickten Fall am Hals, sondern auch eine intrigante, übel gesinnte neue Vorgesetzte. Immer noch schwer traumatisiert vom gewaltsamen Tod ihres Lebensgefährten ("Brandherd") versucht Kay, sich der Gemeinheiten zu erwehren. Sie wird einem massiven Mobbing mit gefälschten E-Mails ausgesetzt, Gangster sind hinter Kays lesbischer Cousine her, ein Mitarbeiter entpuppt sich als Schurke. Als die neue Chefin auf brutalste Weise ermordet wird, steuert alles auf einen Super-GAU hin. Cornwells Psychopathen erreichen inzwischen einen Grad an Bösartigkeit, der fast schon übernatürlich wirkt. Dämonie lässt sich aber auch nicht endlos steigern und wirkt irgendwann nur noch absurd. Abgesehen von den fantastischen Elementen bietet Cornwell jedoch nach wie vor noch einen überaus packenden und drastischen Einblick in die Methoden der modernen Kriminologie.

Patricia Cornwell, Blinder Passagier.
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube.
öS 321,-/EURO 23,33/431 Seiten.
Hoffmann & Campe, Hamburg 2001.

Gunder, ein unbeholfener, angejahrter Mann aus der norwegischen Provinz beschließt aus heiterem Himmel, in sein Traumland Indien zu fliegen und sich dort eine Frau zu suchen. Das Unerhörte begibt sich in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt und die Kneipe der Umschlagplatz für alle Neuigkeiten ist. Der reine Tor Gunder verliebt sich in eine Frau, die in der Nähe seines Hotels in einer Imbisstube arbeitet, heiratet sie und lässt sie nach Norwegen nachkommen. Aber dieses unverhoffte Glück wird zerstört: Die Inderin verpasst durch einen unglücklichen Zufall den Freund Gunders, der sie am Flughafen abholen soll. Sie macht sich allein auf dem Weg ins Dorf und fällt dabei einem Mörder in die Hände. Es geht hier nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um die psychischen Spuren, die ein Mord bei den Hinterbliebenen, den Tätern, den Mitwissern und den Polizisten, vor allem bei dem stillen Kommissar Sejer hinterlässt. Fremdenfeindlichkeit, dörfliche Rivalitäten, soziale Verwahrlosung, Frauenhass, der ganz normale Alltagsfrust entwickeln eine verhängnisvolle Eigendynamik. Hier erweist sich Fossum als genaue Chronistin, die beweist, dass das nach außen hin unsichtbare Geschehen mindestens ebenso spannend sein kann wie plakative Action.

Karin Fossum, Stumme Schreie. Aus dem
Norwegischen von Gabriele Haefs.
öS 277,-/ EURO20,13/318 Seiten. Piper,
München, Zürich 2001.

Der Autor ist der Philosoph unter den Krimischreibern, wobei diese Bezeichnung fast schon eine Irreführung ist. Sein Held, der riesenhafte Schwarze Socrates ist ein Doppelmörder, der nach 27 Jahren Knast versucht, ein angepasstes Leben zu führen, zu unterscheiden, was gut und was böse ist, seine Aggressionen so in den Griff zu bekommen, dass er mit seiner körperlichen Stärke keinen Schaden mehr anrichtet. Allerdings ist das nicht einfach, denn nicht nur als in der Nachbarschaft ein Mädchen ermordet wird, ist Socrates für die Polizei automatisch der Hauptverdächtige. Die paradigmatische Figur Socrates hat Mosley seit 1997 kontinuierlich weiterentwickelt; anhand der Biografie des Exzuchthäuslers entwickelte er ein zwar düsteres Bild der Schwarzengettos, dem es aber trotzdem nicht an Lichtblicken mangelt. Moselys famose L.A.- Krimis mutieren zu einem moralischen Traktat über Ethik und Rassismus und zu einer Art inoffizieller Geschichte der Rassenunruhen in Los Angeles. Was können und sollen Schwarze aus ihrer Geschichte lernen? Würden Armut und Kriminalität sinken, wenn die schwarzen Männer weniger machistisch wären und ihre Frauen mehr Einfluss hätten? Wie können Schwarze die Wut, die sie auf die Weißen haben, konstruktiv nützen statt sich selbst zu zerstören, und wie aussichtsreich ist es, sich gegen sadistische Polizisten zu wehren? Zumindest für die letzte Frage findet Socrates eine überraschende Antwort und unvorhergesehene Verbündete.

Walter Mosley, Socrates' Welt.
Aus dem Englischen von Pieke Biermann. öS 248,-/EURO 18,02/ 270 Seiten.
Unionsverlag, Zürich 2001.

(DER STANDARD, Album, 18.8.2001)

Von Ingeborg Sperl
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