Die Augen im Hinterkopf

17. August 2001, 21:08
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Axel Matthes im Gespräch über das Verlagswesen, den Buchmarkt und die ehemalige DDR.

Er selbst feierte heuer seinen 65. Geburtstag, sein Verlag den 25. Und im Herbst erscheint der letzte Band seiner einzigartigen Ausgabe von de Sades "Justine und Juliette". Cornelia Niedermeier traf Axel Matthes, den Mann, der Matthes & Seitz ist, zu einem Gespräch über das Verlagswesen, den Buchmarkt und die ehemalige DDR.


Undenkbar, eine literarische Sozialisation in den Achtzigerjahren ohne den Verlag mit dem undefinierbaren Tier im Logo. Rot oder schwarz krabbelt es über Buchrücken, die Titel tragen wie Antonin Artaud: Surrealistische Texte, Georges Bataille: Die Erotik, Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Oder aber: D.A.F. de Sade: Justine und Juliette, Band für Band. Matthes & Seitz heißt die Münchner Edition mit dem absonderlichen Tier und dem höchst sorgsam komponierten Programm. Ungefähr 25 Jahre lang existiert sie mittlerweile, so genau weiß das niemand. Und auch über die Identität des Tieres ist auf Nachfrage allenfalls Vages zu erfahren. Ein Mensch könne es sein, ein tanzender, vielleicht aber auch nicht. In jedem Falle handele es sich um eine Höhlenmalerei der Dogon aus Nordafrika. Man wolle die Spielräume der Fantasie öffnen, nicht einschränken.

Man, das ist der Mann, der seit eben jenen vielleicht 25 Jahren eben jenes Verlagsprogramm erdenkt, gestaltet, veröffentlicht, personifiziert: Axel Matthes. Einer von Deutschlands mutigsten, eigenwilligsten, unbeirrbarsten Verlegern.

Herr Matthes, 1968, vor 33 Jahren, haben Sie Ihren ersten Verlag gegründet, Rogner & Bernhard. Wo war Matthes?

Matthes: Als wir, Klaus Peter Rogner, Marianne Bernhard und ich, den Verlag gründeten, war ich sozusagen das "und". Damals war ich noch so bescheiden und habe auf meinen Namen verzichtet. Die beiden wollten unbedingt einen eigenen Verlag machen und haben für das Pekuniäre gesorgt, aber sie wussten nicht, was für Bücher sie bringen sollten. Dafür brauchten sie mich. Ich war damals überhaupt erst ein Jahr im Verlagswesen als Lektor.

Und? Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr erstes Programm zusammengestellt?

Matthes: Damals kannte ich ja gar keinen lebenden Autor. Aber ich war ein großer Verehrer von Walter Benjamin. Also habe ich Benjamin zum geheimen Lektor des Verlags ernannt: Ich habe die ganzen fremdsprachigen Desiderata, alles, was Benjamin toll fand und was durch Hitler nicht übersetzt worden war, was inzwischen vergessen und völlig unbekannt war, in das Programm geholt. Also grob gesagt, beispielsweise den ganzen literarischen Surrealismus. Aragons Paysan de Paris, zu Deutsch Pariser Landleben, war das Initialbuch für das ganze Programm von Rogner & Bernhard.

Oder Gisèle Freund. In den 50er-Jahren hatte ich in der Zeitschrift für Sozialforschung eine Rezension Walter Benjamins zur Dissertation Gisèle Freunds gelesen, über Fotografie und bürgerliche Gesellschaft. Jetzt habe ich sie, die damals noch total unbekannt war, in Paris aufgestöbert und habe dieses Buch dann im ersten Programm gebracht. Oder: Benjamin schreibt über Grandville, einen Zeichner aus dem 19. Jahrhundert. Damals, in der Pop-Zeit, habe ich das zeichnerische Werk dieses satirischen Vor-Pop-Menschen herausgebracht.

Wie lange blieben Benjamin und Sie das "und" bei Rogner & Bernhard?

Matthes: Bis 1976. Schon 1973 hatte es eine ökonomische Krise gegeben, und der Verlag musste verkauft werden. Klaus Peter Rogner und Marianne Bernhard wurden dann von der neuen Eigentümerin exmittiert. Aber mich, als Programmmacher, hat sie behalten. Nur als die neue Eigentümerin sozusagen einen neuen Lover bekam, wollte der rein, und da musste ich raus. Der hat auch ein ganz anderes Programm gemacht.

Im Frühjahr 1977 habe ich dann, gemeinsam mit Claus Seitz, Matthes & Seitz gegründet. Claus Seitz war Hersteller und ich wieder Programmmacher. Ich hatte mir von Rogner & Bernhard statt einer materiellen Abfindung die Rechte mitgenommen an einigen Editionen, die ich eben erst begonnen hatte: den ersten Band Artaud und den ersten Band Bataille. Und die Rechte an Michel Leiris - Die Spielregel.

Damit hatte ich von vornherein eine Substanz des neuen Verlags. An diesen Editionen sitze ich ja bis heute noch und kann noch weitere fünf Jahre ackern, das sind ja alles Werkausgaben.

Und Ihr heimlicher Lektor bei Matthes & Seitz? Ist das wieder Walter Benjamin?

Matthes: Nein. Benjamin ist dann als Guru des Programms abgelöst worden durch Nietzsche. Wobei ich von Nietzsche nie konkrete Tipps entnommen habe - die gibt es kaum. Sondern mehr die Perspektive des Denkens. Daraus ergaben sich Autoren wie etwa Georges Bataille. Der ja auch ein Nietzscheaner par excellence ist.

Inzwischen haben Sie sich von Claus Seitz getrennt?

Matthes: Wir haben uns 1983 freundschaftlich getrennt. Mittlerweile bin ich eine Einpersonen-Firma. Ich bin alles, Putzfrau, Sekretär. Nur 1 ½ Tage im Monat kommt ein Buchhalter. Weil ich nicht rechnen kann.

Andere Verlage setzen auf die so genannte Mischkalkulation. Ein Bestseller finanziert die schwerer verkäuflichen Titel des Programms. Bei Ihnen sieht man nur Erlesenes, schwer Verkäufliches.

Matthes: Ja, die finanzielle Situation ist abenteuerlich. Ich zahle mir seit über einem Jahr kein Gehalt, um die Kiste am Leben zu erhalten. Aber dafür mache ich auch einigermaßen die Bücher, die ich machen will. Bedauerlicherweise gibt es in Deutschland ja keine Verlagssubvention.

Das ist das Grausige, dass man in Deutschland dort ist, wo die neue Regierung hier in Österreich hinwill - im schönsten Neoliberalismus.

Dort ist ein Verlag ein Wirtschaftsunternehmen, und damit gibt es kein Geld vom Staat. Natürlich kann man sagen, Staatsförderung von Verlagen, welche Kriterien legt man da an? Wenn aber grundsätzlich alle etwas bekämen, könnte man nicht sagen, es würde nach ideologischen Gesichtspunkten entschieden. Vielleicht erhielte dann auch der eine oder andere etwas, der nicht unbedingt was kriegen müsste, aber, oh Gott, statt Kriege zu führen, gibt man eben den Verlagen etwas. Wäre ja nicht schlecht. Geld wird genug rausgeworfen.

Zurück in die Vergangenheit. Ursprünglich wuchsen Sie nach dem Krieg in der DDR auf?

Matthes: Ich war neun Jahre, als der Krieg zu Ende war, und habe also als Kind den Nationalsozialismus wahrgenommen und dann die DDR in ihrer so genannten heroischen Zeit, in der Aufbauphase. Ich war als Jugendlicher gläubiger Sozialist. Mit 17 habe ich in der Uckermark das Abitur gemacht, das war 1953. Damals war mein geistiger Vater - richtiggehend als Vaterersatz, mein Vater war nämlich noch in Russland, in der Kriegsgefangenschaft - der Marxismus/Leninismus.

Ich hatte also früh die totalitären Pocken, das ist gut für eine spätere Immunisierung. Ich war in der deutsch/sowjetischen Freundschaft, während mein Vater in Sibirien war!

Im Abitur lasen wir Mao Tsetung, der war damals noch nicht out, auf Russisch, und Stalins gesammelte Werke habe ich mal als Schulprämie bekommen. Später habe ich bei Rogner & Bernhard - das war in der 68er-Phase, da war das möglich - die Linguistik-Briefe von Stalin gebracht, und die wurden in der FAZ rezensiert. Das war damals, als Karl-Heinz Bohrer noch Literatur-Leiter war.

Das Einzige, was mir schon in dieser Zeit, als ich überzeugter Bolschewik war, Schwierigkeiten bereitete, war, im Gleichschritt zu marschieren. Der Körper, das Unbewusste, hat dagegen rebelliert. Später, '68, im Westen, hatte ich dann erstens keinen Nachholbedarf, die marxistischen Klassiker kennen zu lernen, weil ich die besser kannte als die dortige ästhetische Linke, und zweitens einen Widerwillen, auf die Straße zu gehen, wieder eine Art Gleichschritt . . .

Wie kam es zu Ihrer Übersiedelung in den Westen? Als überzeugter Anhänger der DDR-Ideologie begingen Sie doch kaum Republikflucht?

Matthes: Ich hatte mich nach dem Abitur auf der Humboldt-Universität in Berlin für Philosophie eingeschrieben, was ja damals praktisch dialektischen Materialismus bedeutete, da ist plötzlich, das kam durch Adenauer - die Spätheimkehrer - , mein Vater repatriiert worden und hat sich gleich nach Westberlin abgesetzt. Dieses plötzliche Auftauchen meines echten Vaters hat mich so erschüttert, dass ich meine Stalin-Prämie und den Lenin, meinen geistigen Vaterersatz, am Bahnhof Friedrichstraße in einem Antiquariat verkaufte und auch in den Westen ging. Mao, Marx, Engels und Lukács habe ich in den Westen mitgenommen.

Im Westen musste ich das Abitur nachmachen. Danach fing ich aus Verlegenheit an, Jura zu studieren. Gleichzeitig hörte ich Vorlesungen in anderen Fakultäten. Dabei stieß ich, 1954 bereits, auf Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung. Damals existierte die nur in der Exilausgabe, im Querido-Verlag, aber man konnte sie sich kaufen.

Dieses Buch hat mich so frappiert, dass ich, verkürzt gesagt, von Lukács zu Adorno/Horkheimer übergegangen bin. Auch aufgrund dieser Karl-Kraus-haften Diktion, die die Dialektik der Aufklärung in der Verknappung hat. Und durch Adorno bin ich auf Benjamin gekommen. Logisch. Durch Hinweise Adornos. Das waren damals unsere heiligen Texte. Immer, wenn wir mitkriegten, dass Adorno einen neuen Aufsatz publiziert hat, in der Zeitschrift für Sozialforschung, war das wie Weihnachten.

Gab es neben Adorno und Benjamin noch andere Heilige in dieser Zeit?

Matthes: Ernst Jünger. Auf ihn stieß ich eher zufällig, in einem Antiquariat. Ursprünglich wegen seiner Reisebücher über Jugoslawien, ich bin so ein Mittelmeermensch . . . In den 50er-Jahren las ich also mit einem Auge Adorno/Benjamin und mit dem anderen Jünger.

. . . Und studierten Jura.

Matthes: Nicht mehr. Mittlerweile arbeitete ich als Aushilfsangestellter - man musste ja auch Geld verdienen - in der BfA, der Bundesversicherung für Angestellte. Da habe ich Renten berechnet. Das war kafkaesk, denn, wie gesagt, ich kann gar nicht rechnen. Trotzdem wollten die mich befördern, es war grauenhaft, ich sollte richtig angestellt werden.

Bevor man aber angestellt wird, musste man sich diesen Reihenuntersuchungen unterziehen. Dabei wurde festgestellt, dass ich blühende Tbc auf beiden Lungenflügeln hatte. Und da bin ich lachenden Herzens, erlöst von Jura und diesem grässlichen BfA-kafkaesken Tun, für drei Jahre in die Lungenheilstätte verschwunden. Wo ich natürlich sehr viel las. Und als ich dort herauskam, war ich der Welt etwas abhanden gekommen. Und begann eine Antiquariats-Buchlehre. Bis eben 1968 meine beiden Kollegen sagten, wir gründen einen Verlag.

Heuer feiern Sie Ihren 65. Geburtstag und außerdem 25 Jahre Matthes & Seitz. Wurde der Verlag aber nicht 1977 gegründet? Das wären erst 24 Jahre.

Matthes: Nein, nein, so ist das nicht. Das ist wie mit dem Jahrtausendwechsel. Die Gelehrten streiten sich, wann das ist.

Also gut. 25 Jahre Matthes & Seitz. Unter welchem Begriff ließen sich diese Jahre zusammenfassen? Matthes: Dazu leihe ich mir am besten ein Zitat von Karl Marx. Der hatte eine Metapher, die meines Erachtens genau auf den Verlag zutrifft: "Eine Insel des Neuen in einer alten Welt." Denn viele meiner Autoren waren Vordenker ihrer Zeit. Im Fall von de Sade etwa hat es mehrere Jahrhunderte gebraucht, bis die Kultur-Menschen seine Wichtigkeit als Schriftsteller und Denker begriffen haben.

Bei Artaud kommt das erst in diesem einundzwanzigsten Jahrhundert. Oder dass Michel Leiris mit seiner Spielregel der Marcel Proust der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist, das hat sich noch immer nicht herumgesprochen.

A propos de Sade. Seit Jahren bringen Sie "Justine und Juliette" in einer Neuübersetzung heraus, zum ersten Mal ungekürzt. Jetzt, im Herbst, erscheint der zehnte und letzte Band. Was sagen Sie zu den De-Sade-Verfilmungen des letzten Jahres?

Matthes: Das ist doch alles sehr heuchlerisch. Wir wissen zwar, dass Erotik sich nicht unbedingt in Nacktheit äußern muss. Aber Sade ist Sade, da geht es wirklich auch um Kopulation. Und was sieht man in diesen Filmen? Bebende Mieder. Man macht ein Lutschbonbon aus den Leuten. Mit Casanova verhält es sich ja ähnlich.

Bei Quills, der Hollywood-Verfilmung, machte die Verleih-Firma große Werbung. Sie hat vier oder fünf Literaturhäuser in Deutschland animiert, über de Sade zu debattieren. Mich als den deutschen Sade-Verleger hat man nicht eingeladen, auch die Herausgeber und Übersetzer nicht.

Ich saß im Publikum und hörte mir das an. Da saßen einige Menschen, deren Steckenpferd Serienmörder waren und die sich über Serienmörder verbreiteten. De Sade als Schreibender oder Denker kam gar nicht vor. Das interessiert auch niemanden. Die FAZ hat bis heute noch keinen der erschienenen neun Bände rezensiert, nicht einen einzigen.

In Zürich ist eine Ausstellung über de Sade geplant.

Matthes: Im Kunsthaus Zürich, ja, im Oktober: "Sade und die Surrealisten". Und was mich sehr freut, ist die geplante Ausstellung über Leben und Werk Antonin Artauds hier in Österreich im kommenden Jahr, im Rahmen des steirischen herbstes. Catrin Pichler bereitet sie vor. Jahrelang hat sie recherchiert. Eine Ausstellung von dieser Größe über Artaud hat es bisher noch nicht gegeben. Selbst in Frankreich nicht. Aus ganz Europa müssen Artaud-Fans hierher defilieren, um die Sache zu sehen.

Vielleicht also doch Bestseller-Autoren von morgen?

Matthes: Damit sind wir wieder bei der Frage des Marktes. Der Markt ist auch für mich eine Realität. Doch nicht als Realität, als Ideologie ist der Markt das Schreckliche. Die Maßstäbe - auch in den Medien - sind abgestürzt. Man argumentiert heute nur noch vom Markt her. Ein Buch, das sich gut verkauft, wird, auch bei den Kultur-Menschen, ein gutes Buch. Weil es sich gut verkauft hat. Wenn Sie die Rezensionen sehen: Wenn ein Buch aus dem Ausland ist, steht darin, dass es dort so und so viel Auflage hatte - was ja für den Rezensenten eigentlich uninteressant sein sollte und an der Sache vorbeigeht.

Bedenken Sie, die Bücher von Artaud und Bataille hatten Erstauflagen von unter 1000 Exemplaren. Und Sade? Er hat zum Teil mit Blut geschrieben und wurde heimlich gedruckt. Doch heute zählt der Markt als Ideologie. Und was wollen Sie von einem armen Buchhändler erwarten, wenn selbst die Kultur-Spezialisten so abdriften und den Markt akklamieren? Der Kapitalismus ist eine Realität. Aber es fragt sich doch, wie man mit der Realität umgeht. Ob man sie lauthals affirmiert oder ob man mit ihr Schwierigkeiten hat und aus diesem Zwiespalt heraus trotzdem etwas Gutes macht. (DER STANDARD, Album, 18.8.2001)]

D.A.F. de Sade, Justine und Juliette. Band 10. Herausgegeben und neu übersetzt von Stefan Zweifel und Michael Pfister. Mit Bildern von Chantal Wicki und Essays von Marcel Proust und den Herausgebern. öS 423/ EURO30,75/ 350 Seiten. (Bei Subskription der insgesamt 10 Bände gewährt der Verlag eine Ermäßigung von 25 Prozent auf den Ladenpreis.)
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